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27-10-2011 Kultur
Tragisches Glück und zynische Freude


[ von Julia Schatte]Sentimental, skurril und hoffnungslos zeigen der weißrussische Film „Splinters“, der russische Film „We need happiness“ und der ukrainische Film “My joy“ die Facetten, Kontraste und Abgründe von Freude und Glück - ein Rückblick auf das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2011.




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„Splinters“ von Victor Asljuk

Nach seinem Studium der Literatur an der Weißrussischen Staatlichen Universität in Minsk und dem Filmstudium an der Belarussischen Kunstakademie arbeitet der Regisseur Victor Asljuk seit 1995 für die „Belasrusfilm“-Studios in Minsk. Im Jahr 2003 wurde er Mitglied der Europäischen Filmakademie und war seitdem auf vielen internationalen Filmfestivals vertreten, wo seine Dokumentarfilme auch zahlreich prämiert wurden.

Irgendwo in einem kleinen weißrussischen Dorf leben Männer inmitten einer schönen, ruhigen, rauhen Landschaft. Sie melken die Kühe, ziehen mit den Hunden durch den Wald, klopfen ihre Bienenstöcke nach Leben ab. Sie schöpfen Wasser aus dem Brunnen, schaufeln Mist. Sie wärmen sich mit Selbstgebranntem und lassen sich den Kopf kahl scheren. Bei einem Tischgespräch geht es um eine Frau aus der Nachbarschaft, die man heiraten könnte. Der Sex sei ihr nicht so wichtig, heißt es. Hauptsache, es ist genug Brennholz für den kommenden Winter da.

Ihre Sprache ist eine ganz eigene Mischung zwischen russisch und weißrussisch, vereinzelten polnischen Wörtern und jeder Menge Flüche. Letztere kommen aber kaum als Beschimpfung, sondern mehr als vertrautes Stilmittel daher.

Die Männer versammeln sich vor dem Fernseher und hören gelassen ihrem Präsidenten Lukaschenka zu, der Aufmerksamkeit und Respekt für Land und Nation propagiert. Ihr Lebensraum fühlt sich eben wie ein Splitter der ehemaligen Sowjetunion, aber auch der heutigen weißrussischen Gesellschaft an. Ein surrealer Kontrast zur bedeutungsvollen präsidialen Rhetorik.

Victor Asljuk beobachtet den Mikrokosmos zwar aus intimer Nähe, unterbricht ihn aber an keiner Stelle. Der Film bleibt unkommentiert, die Reflexion komplett dem Zuschauer überlassen. Er beginnt und endet willkürlich, es wird keine Geschichte erzählt. Es bleibt der Eindruck einer zuweilen bedrückenden und manchmal amüsanten Skizze, in der wie schon in anderen Filmen Asljuks ein Leben am Rand, im Abseits, der Abgeschiedenheit thematisiert wird.

„We need happiness“ von Aleksandr Sokurow und Aleksej Jankowskij

Aleksandr Sokurow studierte am Moskauer Staatsinstitut für Filmwissenschaften (WGIK) und drehte bereits an die 20 Dokumentarfilme. Hauptsächlich ist er aber durch seine Spielfilme bekannt. In der Sowjetunion sah er sich immer wieder mit Zensur konfrontiert, in der postsowjetischen Zeit wurden viele seiner Filme u.a. bei den Filmfestivals in Locarno, Toronto, Cannes und Venedig ausgezeichnet. Sein Co-Regisseur Aleksej Jankowskij, ein ausgebildeter Schauspieler, ist für das Theater tätig und leitet seit 2000 die Moskauer Theaterwerkstatt „ASB“.

In ihrem Film beobachten sie das Leben einer kleinen Siedlung in der felsigen Autonomen Kurdischen Region im Irak. Die Häuser sind direkt in die Felsen gebaut. Die Landschaft ist karg und düster, ringsherum findet sich kein einziger Baum oder Strauch. Erzählt wird die Geschichte der russischen Frau Sveta, die sich als Studentin in einen Kurden verliebte. Mit dem einjährigen gemeinsamen Sohn folgte sie ihm 1958 in den Irak. Der Anblick der in schwarze Burkas gehüllten Frauen sei für sie so unbekannt gewesen, dass sie sie aus der Ferne zunächst für schwarze Kühe hielt. Schon lange gehört Sveta nun zu ihnen, sie ist schwarz gekleidet, schweigsam und ernst.

Sie erlebte Angst und Armut - die brutale Verfolgung der Kurden durch Sadam Husseins Armee. Nach dem Tod ihres Mannes und eines Sohnes wurde sie aufgrund abgelaufener Papiere für zwei Monate inhaftiert und 1986 in die Sowjetunion zurück geschickt. Ihre erste Heimat hatte sie fast 30 Jahre nicht gesehen, auch ihre Mutter und Schwester waren ihr fremd geworden. Sie arbeitete als Wäscherin in einer Kindertagesstätte, beklagte die Einsamkeit. Sie sehnte sich nach ihren Kindern und bemühte sich um eine Ausreise zurück in den Irak, die ihr vier Jahre später endlich gestattet wurde. Eine Woche lang wurde dort ihre Ankunft im Familienkreis gefeiert.

Früher hätte es Krieg und Angst gegeben, erzählt sie. Kein Geld hätten sie gehabt und viele Sorgen. Nun sei alles da, das Leben ruhig, doch Freude gäbe es nicht. Die Worte der alten Frau machen nachdenklich und ein wenig ratlos, wie subjektiv und individuell das Gefühl von Glück und Freude ist, wie rätselhaft die Innenperspektive jedes Einzelnen. Im Gegensatz zu Victor Asljuk kommentiert in diesem Film ein Erzähler das Gesehene. Manchmal überschneidet sich die Stimme der alten Frau mit der Erzählerstimme, was Unschärfen verursacht. So hinterlässt der Film trotz scheinbar so aufmerksamer und sentimentaler Beobachtung einen leicht distanzierten und unterkühlten Eindruck eines Reisenden, der durch irgendwelche Umstände Rast in der Einöde der Berge hält, auf seinen Aufbruch wartet und sich schließlich auf ein Nimmerwiedersehen verabschiedet.

“My joy” von Sergej Loznitsa

Der Lastwagenfahrer Georgij ist mit einer Ladung Mehl irgendwo auf den Wegen durch die Provinz unterwegs. Nachdem er nachts von Landstreichern überfallen und mit einem Knüppel niedergeschlagen wird, verändert sich der junge Mann. Im zweiten Teil des Films tritt er bärtig, stumm, scheu und merkwürdig auf. Seine moralische Integrität kann er nicht mehr halten und wird schließlich selbst zum Verbrecher.

Episodenhaft zeichnet der Film eine unheimliche Palette gesellschaftlicher Verwahrlosung und menschlicher Niedertracht nach. Die Episoden sind weniger durch Personen oder Orte, als durch inhaltliche Komponenten verbunden: Kriegserinnerungen, schikanöse Willkür und Gewalt seitens der Staatsorgane, primitiven Raub und Betrug, kaltherzigen Eigennutz. In manchen Begegnungen und Situationen schimmert kurz Hoffnung durch, wird jedoch durch eine nächste Wendung meist vernichtet. Ein brutaler Kreislauf ergibt sich. Homo homini lupus est.

Loznitsa möchte die Realität nicht ausschmücken. Das Leben müsse nicht schöner dargestellt werden, als es eigentlich ist. Und für ihn ist es ein ständiger Kampf zwischen Gut und Böse. Sein Film scheint eine düstere Übertreibung in der Kunst, der dokumentarische Blick durch die Handkamera wirkt aber erschreckend authentisch. Ohne Gewissensbisse oder moralische Wertung führt er das fragwürdige „Glück“ auf eine äußerst zynische Weise vor.
[Julia Schatte/russland.RU]
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