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23-08-2004 Kultur
Richter-Musikfestival in Tarussa
Jedes Jahr im August schläft das musikalische Leben in Moskau beinahe völlig ein. Die meisten als Interpreten der klassischen Musik bekannten Sänger und Musiker sind in Urlaub oder auf Gastspielreisen.

Nur der kleinen Stadt Tarussa erreicht das musikalische Leben einen hohen Grad an Intensität. Seit nunmehr zwölf Jahren findet in dieser altehrwürdigen russischen Stadt an der Oka in jedem August ein Richter-Musikfestival statt.
Für die russische Intelligenz ist Tarussa ein Begriff. Viele russische Musiker, Maler und Schriftsteller schlossen diese winzige Stadt in ihr Herz. Unmittelbar am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam die künftige berühmte Dichterin Marina Zwetajewa jeden Sommer hierher. Das steile Oka-Ufer hatte es ihr so sehr angetan, dass sie davon träumte, hier einst begraben zu werden. In Tarussa arbeitete der bekannte russische Prosaschriftsteller Konstantin Paustowski; Anton Tschechow, der Dichter Ossip Mandelstamm, die Maler Surikow und Kuindschi besuchten das Städtchen öfters.

Diese Gegend ist wohl von russischen heidnischen Gottheiten verzaubert, die bis heute in den verflochtenen Ästen der gigantischen Bäume und den kristallklaren Quellen an den Abhängen der Oka leben müssen. Sensible schöpferische Naturen empfinden diesen Zauber.

Seit Beginn der 60er Jahre besuchte Swjatoslaw Richter, der größte russische Pianist, Tarussa regelmäßig. Er und seine Frau, die nicht weniger berühmte Sängerin Nina Dorliak, verguckten sich in einen malerischen Ort an einem zur Oka hinabsteigenden Abhang, wo das kleine Dorfhaus des Bakenwärters stand. Richter kaufte das verlassene Haus und ließ sofort seinen Flügel dorthin bringen. Im ersten Sommer wohnte und spielte der große Meister, solange seine neue Datsche nach seinem eigenen Entwurf gebaut wurde, in diesem Blockhaus. Später, als die Datsche - zwei aufeinander gestellte Blockverbände aus Eichenholz - fertig war, kamen Swjatoslaw Richter und Nina Dorliak regelmäßig hierher.

Bei jedem Wetter begann der Tag mit einem Bad: Richter mochte das saubere Oka-Wasser.
Hintergrund
RICHTER, Sviatoslav Teophiloviè (1915-1997),sowjetischer Pianist. Richter wurde am 20. März 1915 als Sohn einer deutschstämmigen Familie in Žitomir (Ukraine) geboren. Von 1934 bis 1937 war er Korrepetitor und Kapellmeister an der Oper in Odessa. Dort wurde sein pianistisches Talent von Heinrich G. Neuhaus erkannt. Anschließend studierte er sieben Jahre lang am Moskauer Konservatorium bei Neuhaus. 1945 gewann er den 1. Preis im Allunionswettbewerb. In dieser Zeit enstand auch die Freundschaft mit Mstislav Rostropoviè und Sergei Prokofiev. Außerhalb der UdSSR trat Richter zum ersten Mal im Jahr 1957 in China auf; sein Amerikadebüt hatte er 1960 mit dem Chicago Symphony Orchestra. Seit dieser Zeit gilt Richter als einer der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart. In seinem breiten Repertoire zeigte er vor allem besondere Affinität zu Werken von Bach, Haydn, Beethoven und Chopin sowie zu modernen russischen Komponisten. Richter realisierte zahlreiche Uraufführungen, z. B. die Sonate für Violine und Klavier von Dmitriy Šostakoviè. Sviatoslav Richter starb am 1. August 1997 in Moskau.(S. Noskin)
Erst dann setzte sich der Musiker ans Klavier.

Ein russischer Ofen beheizte das Haus. Man zündete Kerzen an, bewunderte die schönen Sonnenuntergänge. Swjatoslaw Richter, der die ganze Welt bereist hatte, nannte seine bescheidene Datsche bei Tarussa sein Lieblingshaus und fand, dass dies ein vorzüglicher Ort für das Schaffen war.

1992 trat Richter vor der musikalischen Öffentlichkeit mit der Initiative hervor, in Tarussa im Sommer ein Musikfestival durchzuführen. Er wollte auch anderen Musikern die Möglichkeit geben, an diesem Ort eine fruchtbare Zeit zu verleben, wobei die örtlichen Bewohner die für die russische Provinz rare Chance bekamen, Werke der Weltklassik live zu hören.

August 1993. Das kleine, längst für eine Instandsetzung reife Filmtheater von Tarussa "Mir". Auf der Bühne ein aus der örtlichen Musikschule hergebrachter Flügel Marke "Estonia". Am Klavier der große Richter, neben ihm die Sängerin Galina Pissarenko, Volkskünstlerin Russlands. Sie hatten ein einzigartiges Programm - selten interpretierte Lieder von Grieg - vorbereitet. Im Saal die Einwohner von Tarussa; Fischer, eben erst vom Fluss zurückgekommen; sonnengebräunte Kinder mit nackten Beinen, örtliche Frauen, die sich von ihren Gemüsegärten losgerissen hatten. Der Saal ist voll. Er erstirbt bei den Klängen der Musik und spendet dann einen Beifall, der mehr einer Explosion ähnlich ist. Nach dem Konzert schenken Kinder dem Meister Gartenblumen.

Swjatoslaw Richter war stolz auf seine neue Initiative. Die Musikfestivals in Tarussa gestalteten sich zu einer alljährlichen Veranstaltung. Als der große Musiker 1997 aus dem Leben schied, wurde die Tradition weiter gepflegt.

Heutzutage ist es die Swjatoslaw-Richter-Stiftung, die in jedem August in Tarussa Musikfestivals veranstaltet (die Stiftungsgründer waren Richter selbst und Nina Dorliak sowie der Altist Juri Baschmet, der Dichter Andrej Wosnessenski und die Direktorin des Museums für bildende Künste "A. A. Puschkin" Irina Antonowa). An diesen Festivals beteiligen sich Musikaer von Weltruf: Natalja Gutman, Juri Baschmet, Oleg Kryssa, Wladimir Skanawi, Mark Pekarski, Arkadi Semidow, nur um einige wenige zu nennen. Zu den Teilnehmern zählen auch berühmte Ensembles: das Kammerorchester "Kremlin", das Theater "Nowaja opera", das Akademische Kammerorchester "Musica Viva" und andere. In diesem Jahr eröffnete die Lyrikerin Bella Achmadulina das erste Konzert in memoria Swjatoslaw Richter. Elvira Orlowa, Generaldirektorin der Richter-Stiftung, sagt, es falle nicht schwer, im Sommer weltbekannte Interpreten nach Tarussa zu locken: "Man braucht nur das Kennwort ‚Richter' zu nennen, da gibt es kein einziges Nein." Das Festival entwickelt sich: In seinem Rahmen veranstalten bekannte Musiker nunmehr Workshops für ihre jungen Kollegen. In diesem Jahr haben die Organisatoren beinahe fünfzig junge Interpreten aus allen Regionen Russlands und selbst aus einigen Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten eingeladen, damit sie dem ausgezeichneten Unterricht der besten Dozenten des Moskauer Staatlichen Tschaikowski-Konservatoriums beiwohnen können. Das kann als Fortsetzung von Swjatoslaw Richters Aufklärungsideen bezeichnet werden.

Und so klingen über der wasserreichen Oka Violinen und Cellos, Klaviere und Oboen.
Als ich den Teilnehmer des diesjährigen Festivals Alexej Utkin, Begründer des Solisten-Ensembles "Ermitage" und Leiter der Oboeklasse am Moskauer Konservatorium, fragte, worin er das Unterpfand der Festivals von Tarussa sehe, sagte er: "Alles, was die Hand des großen Richter berührte, wird fortleben." Andres Mustonen, Violinist und künstlerischer Leiter des estnischen Ensembles "Hortus Musicus", findet seinerseits, dass das Richter-Festival in Tarussa mehr als andere Musikfestivals von einer hohen Vergeistigung geprägt sei.

Damit sich diese kleine "Insel der Vergeistigung" zu einem Festland entwickelt, haben die Mitglieder der Stiftung vor, in Tarussa ein "Swjatoslaw Richter"-Zentrum zu bauen. Der Architekt Igor Popow hat bereits einen Entwurf vorgelegt, möglicherweise beginnt 2005 der Bau. Auch wollen sie Richters eigentliche Datsche restaurieren.

Die Organisatoren hegen kühne Pläne und zweifeln nicht an ihrem Erfolg, denn das Kennwort bleibt ja das alte: Richter. (Text: Olga Serowa, Korrespondentin der RIA Nowosti - Fotos:A. Petrov/russland.RU)

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