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18-04-2004 Reisen
Touristen aus Russland werden immer anspruchsvoller
(Sergej Schpilko, Präsident des Russischen Reiseindustrie-Verbands)
Nahezu alle Länder, die auf den Massentourismus setzen, erwarten eine Zunahme des Touristenstroms aus Russland.


Im vergangenen Jahr ist er um mehr als 500 000 Reiselustige gegenüber 2002 und nahezu um 1,5 Millionen gegenüber 2001 angestiegen.

Im russischen Ausreisetourismus herrscht ein echter Boom. Das ist durch die stabile Wirtschaftslage im Lande, durch die wachsenden Realeinkommen und Konsummöglichkeiten der Bevölkerung sowie die effektive Arbeit der Reisebranche zu erklären. Seit einigen Jahren gehört sie zu den besonders dynamischen Wirtschaftsbereichen Russlands.

Am stärksten gefragt bei den Russen ist traditionell die Türkei, die 2003 von mehr als einer Million Gästen aus Russland besucht wurde. Russland liegt an dritter Stelle bei der Zahl der Touristen, die Ägypten besucht haben. Nach Angaben des Tourismusministeriums Ägyptens sind im vergangenen Jahr 586 000 Touristen aus Russland und den GUS-Ländern dorthin gereist - 30 Prozent mehr als 2002. Im Januar und Februar 2004 zählte Ägypten bereits mehr als 145 000 Gäste aus Russland - 50 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Weiterhin attraktiv für russische Touristen sind die Vereinigten Arabischen Emirate, Zypern und Tunesien. 2003 nahm der Touristenstrom aus Russland nach Tunesien nach Angaben der russischen Grenzschutzbehörde um 69 Prozent zu.

Die Beliebtheit dieser Reiseziele ist leicht erklärbar. Dort gibt es keine Probleme mit dem Visum, die Preispolitik ist flexibel und die Reaktion auf die Nachfrage schnell. Diese Länder bieten immer neue Reiseprogramme und Leistungen an und sind bemüht, diese maximal den Wünschen der Gäste anzupassen.

Natürlich unterscheiden sich die russischen Badetouristen ernsthaft von ihren Vorgängern aus der Mitte der Neunzigerjahre. Damals waren die Russen und Russinnen nicht besonders anspruchsvoll: Sie brauchten in erster Linie ein warmes Meer, gute Strände sowie drei- bis vier-Sterne-Hotels zu erschwinglichen Preisen. Jetzt sind die Touristen aus Russland erfahrener und wählerischer geworden.

Heute wählen sie eine Tour nicht selten genauso penibel wie ein kompliziertes Haushaltsgerät. Sie erkundigen sich immer häufiger danach, wie weit das Hotel vom Strand entfernt ist, ob das Meer aus dem Fenster zu sehen ist, was die Speisekarte zu bieten hat sowie wie hoch die Diving- und die Rent-a-Car-Tarife sind.

Zugleich gehört die aus den Neunzigerjahren stammende Klischee-Vorstellung von einem russischen Gast, die mit der ersten Welle der „neuen Russen" entstanden war - hemmungslos, rüde und problematisch - immer mehr der Vergangenheit an. Die russischen Touristen sind jetzt bemüht, in ihrem Verhalten und Auftreten möglichst „europäisch" zu wirken.

Die Nachfrage nach Kultur- und Informationstouren nach Westeuropa - Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Österreich oder Großbritannien - wächst in Russland ebenfalls. 2003 zählte Deutschland 278 000 Touristen aus Russland gegenüber 209 000 im Jahr zuvor, Frankreich 112 000 Gäste (2002: 87 000) und Großbritannien 52 000 (2002: 39 000). Besonders populär sind die preismäßig durchaus demokratischen, zugleich aber recht niveauvollen Busreisen. Vor dem Beginn der Hochsaison sind sie im Nu vergriffen. Nach Ansicht von Experten werden die russischen Touristen im Gegensatz zu denen aus Europa keine besonderen Bedenken haben und trotz der jüngsten Terroranschläge nach Spanien reisen.

Immer häufiger buchen die Russen auch Schiffsreisen - im Mittelmeer oder um Europa. Es werden auch immer mehr Studenten- und Kinderprogramme angeboten. Genesungs- und Spar-Tourismus in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Frankreich ist unter gut betuchten Russen, deren Monatseinkommen über 1 500 Dollar liegt, Mode geworden. Immer populärer wird auch der alpine Skisport im Urlaub.

Traditionell locken auch osteuropäische Länder wie Tschechien, die Slowakei, Polen, Bulgarien und Kroatien russische Touristen an. Tschechien beispielsweise besuchten 123 500 Touristen aus Russland. Die Tschechen hoffen darauf, dass der Touristenstrom in dieser Saison trotz eines leichten Hoteltarifanstiegs und den Restaurantpreisen um mindestens 20 Prozent zunehmen wird. Auf einen gleichen Anstieg des Zustroms hofft auch die Slowakei. Diese Hoffnungen sind durchaus begründet, wenn man die Zahl der Kurorte in diesem Land - mehr als 20 - sowie die der Mineral- und der Thermalquellen - rund 1 500 - berücksichtigt.

Man muss einräumen, dass die Länder Osteuropas zwar die Visumspflicht für die Russen eingeführt haben, aber auch deren Interessen berücksichtigen. Ein Beispiel dafür liefert Polen. Es hat durchaus annehmbare Regeln für die Einreise mit Schengen-Visa eingeführt und dient damit weiterhin als ein preiswertes Fenster für Busreisen nach Europa.

Diese Berücksichtigung der Interessen der Gäste aus Russland liegt auch im Interesse der Gastgeber. Für sie wäre es nicht sinnvoll, die russischen Touristen zu verlieren. Bei ihren Reisen geben die Russen für Leistungen, Unterhaltung und Souvenirs mit 500 Dollar pro Woche mehr aus, als die Touristen aus den reichen Industrieländern.

Die Geografie der Touristenströme aus Russland erweitert sich recht intensiv. Von der Etappe der „großen geografischen Entdeckung" der Türkei, Ägyptens, Zyperns und Italiens sind die Russen zu einer Etappe der Entdeckung neuer Touristenobjekte innerhalb dieser Länder übergegangen.

Zugleich wird auch für exotische Richtungen geworben - China, Vietnam, Südkorea, Malaysia und Thailand. In Russland ist eine Klasse von Touristen entstanden, die bereits die populärsten Sehenswürdigkeiten der Welt gesehen haben. Die Malediven, die Seychellen, Kuba und die Dominikanische Republik sind keine Exotik mehr für sie. Sie reisen nun nach Kenia, Südafrika und Goa. Viele von ihnen wenden sich dem Extremtourismus zu. Dies sind natürlich Vertreter schlimmstenfalls einer Mittelklasse, die sich ihrer finanziellen Möglichkeiten sicher ist, von denen es in Russland immer mehr gibt.

Wohlhabende Gäste aus Russland und natürlich auch Newsmaker der Boulevardpresse pflegen jetzt Reisen zu international bedeutenden Terminen - Fußballtournieren, Karnevals, Musik- und Filmfestivals sowie Bällen. Jetzt ist es modisch, beispielsweise zum Karneval nach Venedig und Rio oder zur Corrida nach Spanien zu reisen.

Im Großen und Ganzen sind die Russen mit ihren Reisen zufrieden. Enttäuschend sind allerdings die Schwierigkeiten mit den Visa für einige Länder, beispielsweise für die USA. Inzwischen werden dafür sogar Fingerabdrücke gefordert. Eine solche Verschärfung der Kontrolle über die Migrationsströme erscheint aber in der gegenwärtigen komplizierten Situation in der Welt durchaus verständlich.

Nicht sehr erfreut sind viele russische Touristen auch über die Preise für Hotels und Exkursionen, wenn sie in der Hochsaison gesetzmäßigerweise in die Höhe fliegen. Die Lust nach neuen Eindrücken ist aber in der Regel stärker. Die meisten Russen und Russinnen sind von ausländischen Eindrücken noch lange nicht gesättigt. (RIA)

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