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26-08-2008 Reisen
Krieg versetzt Tourismus in Georgien schweren Schlag
Unbeirrt harren die Souvenirverkäufer vor Georgiens größtem Gotteshaus aus. Doch für die Postkarten, Kruzifixe und Rosenkränze finden sich kaum Abnehmer vor der mittelalterlichen Swetizchoweli-Kathedrale in Mzcheta. Auf dem Busparkplatz vor der Kirche herrscht gähnende Leere. "Der Tourismus ist tot", sagt Lili Kostua, die seit 15 Jahren Andenken in Mzcheta verkauft, der einstigen georgischen Hauptstadt in der Nähe von Tiflis. "Seit der Krieg angefangen hat, kommt kaum noch jemand."



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"Lebensspendene Säulen", bedeutet der Name der Kathedrale. Für die 57- jährige Kostua ist sie die Grundlage ihres Einkommens - denn vor allem wegen des von der UNESCO als Weltkulturerbe geführten Schmuckstücks altgeorgischer Baukunst reisten bislang Touristen nach Mzcheta. "Vor den Kämpfen kamen viele Menschen aus vielen Ländern. Jetzt kann ich mich kaum daran erinnern, wie eine fremd Sprache klingt", seufzt Kostua.

Mitten in der wichtigen Sommersaison haben die georgisch-russischen Kämpfe dem Tourismus in Georgien einen schweren Schlag versetzt. Urlauber brachten sich in Sicherheit, Flüge wurden storniert, und weltweit warnen die Regierungen ihre Staatsbürger vor Reisen in das Land im Süden des Kaukasus. "Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Tiflis wird dringend abgeraten", empfiehlt etwa das Auswärtige Amt in Berlin. Vor allem außerhalb der Hauptstadt sei die Lage weiterhin so unsicher, dass vor allen Touren über Tiflis hinaus gewarnt werde.

Dabei hatte das Interesse am Reiseland Georgien gerade Fahrt aufgenommen. Zwischen 2003 und 2007 habe sich die Zahl der ausländischen Touristen mehr als verdreifacht, sagt der Chef der Tourismusbehörde in Tiflis, Beka Jakeli: von 55.000 auf 194.000 Besucher. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres seien bereits 117.000 Urlauber aus dem Ausland gezählt worden.

Jakelis Behörde hatte Stände auf allen wichtigen Reisemessen gemietet und die renommierte Werbeagentur Saatchi & Saatchi engagiert, um für Georgien mit seinen wunderschönen Landschaften und seinem kulturellen Erbe zu werben. Die britischen Werbeprofis ersannen eine Imagekampagne mit dem Slogan "Europe starts here" ("Europa fängt hier an"). Der Konflikt aber wird nun "sehr negative Folgen haben", befürchtet Jakeli.

Schon zu Sowjetzeiten war Georgien ein beliebter Ferienort der sozialistischen Elite. Doch angesichts von Unsicherheit und Gewalt nach der Unabhängigkeit 1991 litt die Attraktivität der einstigen sowjetischen Republik. Erst in den vergangenen Jahren lockten die schneebedeckten Berge, die Schwarzmeerküste, die malerische Hauptstadt und die Gastfreundschaft der Georgier wieder Touristen in einer nennenswerten Zahl in das Land. Als das "durchgehend schönste Land der ehemaligen Sowjetunion" beschreibt etwa der Reiseführer "Lonely Planet" die Kaukasus-Republik.

In Tiflis blicken die Reiseveranstalter nun in eine ungewisse Zukunft. Manuka Burduli gründete vor fünf Jahren eine Agentur, um mit Rad- und Bootstouren Urlauber aus Deutschland und Israel zu locken. Doch die neue Ausrüstung, die er für diesen Sommer angeschafft hat, kommt vorerst nicht zum Einsatz. "Es ist eine Katastrophe", sagt der Reiseunternehmer, der sieben Festangestellte und zehn Teilzeit-Führer beschäftigt. "Alle haben abgesagt. Die Saison ist gelaufen." Für die Zukunft komme es darauf an, dass die ausländischen Botschaften schnell wieder ihre Reisewarnungen aufhöben.

Die Regierung verspricht derweil eine groß angelegte Werbekampagne, sobald der Konflikt endgültig beigelegt sei. Behördenchef Jakeli gewinnt aber auch den Kämpfen mit Russland noch ein wenig Positives ab. "Vor dem Konflikt hatten vielleicht zwei oder drei Prozent der Menschen schon einmal von Georgien gehört", sagt er. "Jetzt wissen die meisten immerhin, dass es uns gibt."


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