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21-07-2009 Reisen
Nischni Tagil - wo die Panzer an den Bäumen wachsen


[ Von Eugen von Arb ] Früher fuhren wir an die Basler Mustermesse – jetzt fahre ich eben an die Waffenmesse in Nischni Tagil, rund 130 Kilometer von Jekaterinburg entfernt. “Der Strassenbelag ist hier so gut, weil auf ihr die Delegationen vom Flugplatz an die Messe gebracht werden”, erklärt mir mein Bekannter Denis, der mich spontan zu dem Ausflug eingeladen hat, lächelnd.



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Tatsächlich werden wir von verdächtig vielen superteuren Jeeps mit getonten Scheiben überholt.
Darin sitzen wohl die Waffenhändler, zählen ihre Millionen Dollars und rechnen sich aus, für wieviel Panzer und Raketen es reicht, stelle ich mir vor. Am Fernsehen hat der Gouverneur des Swerdlowsker Gebiets Eduard Rossel das Verhältnis zwischen der Rüstungsindustrie und ihren Kunden mit jenem zwischen zwei Liebhabern verglichen – “Es ist völlig unsichtbar!”. Damit hatte er wohl recht, wenn auch der Ausdruck “undurchsichtig” besser gepasst hätte.

Hinten im Wagen sitzen mein schweizerisch-russischer Göttibueb Maxim, den ich bei seinen Grosseltern in Jekaterinburg besuche, und Denis Sohn Andrei. Wir sind unter Männern – Männer und Waffen gehören zusammen – offenbar, denn die Schwestern der beiden Kleinen wurden nicht mitgenommen. Ich frage nicht, warum. Obschon die Rüstungsmesse bereits gestern mit viel Pomp eröffnet wurde, ist sie alles andere als zugänglich. Einen Polizeiposten, der die Zugangsstrasse zu dem riesigen, bewaldeten Gelände sperrt, können wir umfahren, doch bald wissen wir nicht mehr, wie weiter.

“Waffen-Modenschau”

Nur Dank einem Mitarbeiter der Administration, den wir zufällig antreffen, kommen wir ans Ziel – “Wenn sie mich im Auto mitnehmen, zeige ich Ihnen, wie man reinkommt” – so lautet sein Deal. Und es klappt: Am Eingangstor zeigt er seinen Ausweis und behauptet, wir seien alle von der Verwaltung, auch die Kinder.
Die Antwort auf die Frage des Polizisten, warum wir keine Passierscheine hätten, ist typisch russisch: “Es hat eben nicht geklappt!” Wortlos werden durchgewinkt, und dank unseres Begleiters bleiben uns sogar die Gebühren auf dem riesigen, praktisch leeren Parkplatz erspart.

Und schon sind wir drin – über eine riesige Lichtung zieht sich eine Strasse mit Ausstellungshallen auf der einen Seite und demTestgelände mit Zuschauertribühne auf der anderen. Die Show läuft bereits, und wie an einer Modenschau kommentiert eine angenehme Frauenstimme die neuesten Erzeugnisse der Waffenschmiede hinter dem Ural. Über den weit ausgedehnten Polygon rollen Panzerhaubitzen, Minenräumfahrzeuge, Raketenwerfer, Fliegerabwehrpanzer – und schliesslich rast der Panzer T-90S in die staubige Arena.

Ein Sprung, ein Schuss

Die neueste Kampfpanzerausführung der Uralwagonsavod saust trotz ihrer 46 Tonnen flink über den Parcours und zieht leise knatternd eine schwarze Dieselwolke hinter sich her. Dann zieht er von der Zuschauertribühne weg und nimmt die Zielmodelle am gegenüberliegenden Hang unter Beschuss. Sie lösen sich in Feuerbällen auf. “Wohnt in diesen Häuschen niemand?” Fragt Maxim naiv.

Schon denke ich, die Vorführung sei zu Ende, weil der Panzer zurück gegen die Tribühne rollt, als mich ein scharfer Knall zusammen zucken lässt. “T-90S – der Panzer, der auch beim Sprung über ein Hindernis feuern kann!” So tönt es triumphierend aus dem Lautsprecher. Mit erstauntem Blick nimmt Denis sein Telefon vom Ohr – die Druckwelle hat ihm die Verbindung mit seinem Geschäftspartner “weggeblasen”. Die Buben reiben sich die Ohren und lachen. Zum Abschluss – es wirkt irgendwie zynisch – rollen die orange gestrichenen Bagger und Lastwagen derselben Firma ins Feld. Als müssten sie nun nach dem Unfug wieder Ordnung schaffen und alles aufbauen.

Panzer statt Weissbier oder Kuckucksuhren

In der Pause ziehen wir durch die Ausstellungspavillons, wo Waffen, Munition, Komponenten und Technologien aller Art vorgestellt werden. Wie Bonbons ausgebreitet liegen 20- und Dreissigmilimeter-Patronen für Kanonen und Maschinengewehre in den Vitrinen. Unweit davon können Handfeuerwaffen in die Hand genommen werden – Stielaugen beim Durchladen.
Der absolute Knaller ist aber die russische Version einer Panzerfaust. Hier stehen Väter und Söhne Schlange, um sich damit fotografieren zu lassen.

In mir bäumen sich Politkorrektheit und eine strikte (wenn auch zwecklose) Erziehung ohne Kriegsspielzeug gegen diese Waffengeilheit auf. Gleichzeitig ist der kleine Bub in mir ebenfalls fasziniert von der Waffentechnik. Die Geschichte und Kriege der Panzer haben mich seither gefesselt. Warum? Keine Ahnung. Panzer scheinen hier ja zur Folklore zu gehören wie anderswo Weissbier oder Kuckucksuhren.

Volksfestcharakter

Nischni TagilMan spürt den Stolz der Einheimischen auf ihre Erzeugnisse und ihre Tradition – kann man ihnen das verübeln? Stahl- und Waffenproduktion existieren hier seit der Zeit von Peter dem Grossen. Die Uralregion rettete der Sowjetunion praktisch das Leben, nachdem Hitlerdeutschland Westrussland und seine Industriestädte besetzt oder zerstört hatte. Hier liefen die gefürchteten T-34-Panzer zu Tausenden vom Band, in Werken, die noch im Winter ‘41 panikartig auf Güterzüge verladen und hinter die Berge gebracht worden waren.

Auch wenn in der Presse von einem grossen internationalen Interesse spricht (400 Unternehmen aus 40 Staaten – 650 Journalisten von 143 Medien) und Russland als Waffenexporteur in den vergangenen Jahren einen Boom erlebte, ist davon nicht viel zu spüren. Die Waffenshow hat eindeutig Volksfestcharakter, Familien und Jugendlich flanieren der Hauptstrasse entlang. Auch die Frauen nehmen teil, posieren für ein Foto vor riesigen Haubitzen und helfen ihren Kindern beim Raufklettern. Auch unsere zwei Jungs werden nicht müde vom Rumkrabbeln. Wenigstens sind wir jetzt bei der historischen Ausstellung angelangt. “Gut, noch diese Kanone, dann gehen wir, ok?!”
[ eva / Sankt Petersburger Herold ]
Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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