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16-08-2009 Reisen
russland.TV durch Baschkortostan


Auf unserer Tour werden wir Baschkortostan, das im Westen kaum jemand kennt, gleich dreimal durchqueren. Das sollte ein Anlass sein, das Land und unsere Eindrücke davon zu schildern. Baschkortostan ist eine zu Russland gehörige Republik ganz im Osten von Europa.




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Vor allem im Osten ist es geprägt von den Bergen des Urals, die hier bis 1.600 Meter hoch werden. Die meisten Gegenden wirken ländlich und dünn besiedelt, außer natürlich dem Umkreis der Hauptstadt und Millionenmetropole Ufa. Nur Sterlitamak, die zweitgrößte Stadt am Fuße des Urals, hat noch über 200.000 Einwohner. Die regionalen Landschaften sind herrlich und werden vor allem Naturliebhaber zufrieden stellen. Berühmt ist vor allem das Naturreservat Schulgan-Tasch mit mehreren bekannten Höhlensystemen.

Das namensgebende Volk der Baschkiren würde dem durchschnittlichen Mitteleuropäer gar nicht so fremd vorkommen. Da es sich um ein Turkvolk handelt, wirken sie auf Deutsche auf den ersten Blick ein wenig wie Türken. Auch ihre Folklore lässt orientalische Einflüsse erahnen und die Türkei knüpft fleißig Kontakte zu den Baschkiren, die übrigens auch Moslems sind. Baschkirisches Fernsehen, das wir mehrere Wochen hier empfangen durften, macht auf Döner-Restaurant-gewöhnte Zuschauer wie uns ebenfalls einen recht türkischen Eindruck. Zu Fans baschkirischer Folklore konnten wir leider nicht bekehrt werden. Zum berühmten baschkirischen Honig, einer regionalen Spezialität, schon eher. Er wird an den Hauptmagistralen überall am Straßenrand angeboten.

Wenn wir durch Baschkortostan fahren, ist unser Eindruck von der Bevölkerung eher russisch. Das ist kein Zufall. Die namensgebenden Baschkiren sind hier nur die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe nach den Russen, die hier ebenfalls schon vierhundert Jahren ansässig sind. Oder, um es mal anders auszudrücken: In Berlin-Kreuzberg ist der Anteil der Turkvolkstämmigen größer. Besonders deutlich ist das in der Hauptstadt Ufa, in der nur etwa ein Viertel Baschkiren leben und auch viele Tataren zu Hause sind. Dennoch wird in zahlreichen Monumenten und in den baschkirischen Farben gestrichenen Gebäuden und Zeichen Nationalstolz präsentiert. Alle Hinweisschilder in Baschkirien sind zweisprachig Russisch-Baschkirisch, wobei der baschkirische Text in einer eigenen Version der kyrillischen Schrift dargestellt wird. Der Nationalheld Salawat Julajew ist hoch zu Ross überall in der Landschaft präsent. Er kämpfte im achtzehnten Jahrhundert an der Seite des Aufständischen Pugatschow gegen Katharina die Große.

Ansonsten sind die Baschkiren ein traditionell mit den Russen verbündetes Volk. Vielleicht auch deswegen sind sie aufgrund der Ausrichtung der Propagandamaschinerie der westlichen Massenmedien den Westeuropäern kaum bekannt. In der Europäischen Union gibt es fast keine Baschkiren, eine kleine Minderheit existiert nur im Baltikum und sie zählt etwa Tausend Köpfe. Nachdem die Russen Baschkortostan aus der Herrschaft der Mongolen befreiten, stellten die Baschkiren jahrhundertelang Hilfstruppen für den Zaren - gegen die Polen ebenso wie gegen die Osmanen und Schweden. Unmut gab es im 17. Jahrhundert, als sich immer mehr russische Adelige im Gebiet nieder ließen und auch versuchten, die Baschkiren zu christianisieren. Dieser führte nach ignorierten Bittschriften an den Zaren auch zu mehreren Aufständen, die am Ende in der Beteiligung an Pugatschows kosakischer Großrevolte gipfelten. Unabhängigkeitsbestrebungen gab es in der Zeit der Oktoberrevolution und dem Zusammenbruch der Sowjetunion, aber mittlerweile hat man sich recht gut mit der Stellung einer Republik innerhalb der Russischen Föderation arrangiert. Baschkirien ist reich an Erdöl und die petrochemische Industrie wirft umfangreiche Gewinne ab. Den Menschen geht es gut und das schafft Zufriedenheit.

Die Regierung der Republik Bachkortostan wird von Beobachtern als recht autokratisch eingeschätzt. Staatschew ist Murtasa Rachinow, dessen Familie im Land eine wichtige Rolle spielt. So gehört Sohn Ural Rachinow zu den reichsten Oligarchen Russlands und ist beispielsweise Mehrheitseigentümer der Ölgesellschaft Bashneft, die auch überall in Russland Tankstellen unterhält.Die Rachimows präsentieren gerne baschkirischen Nationalismus und die verwandten Tataren im Land geben sich häufig als Baschkiren aus, um aus ihrer Herkunft keine Nachteile zu haben. Lustigerweise werden im Land sogar baschkirische Pässe ausgegeben, die jedoch weder international noch in Russland in irgend einer Form anerkannt werden.

Die Ordnungshüter im Verkehrsbereich haben unter den Bewohnern der Nachbarregionen keinen allzu guten Ruf. Trotz ebenfalls negativer Erfahrungen als Mitfahrer in russischen Autos hoffen wir natürlich bei jeder Durchquerung, dass das nur Panikmache ist. Das suchende Auge am Straßenrand haben wir in Osteuropa ohnehin überall angeschaltet und mit unsere nicht sonderlich sportlich motorisierten Bus laufen wir keine große Gefahr, Tempolimits zu brechen.
Roland Bathon - russland.TV - Russland hören und sehen; Roland Bathon ist Autor des Buchs "Russland auf eigene Faust" - mehr Infos unter www.buecher.nachrussland.de


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