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18-08-2009 Reisen
Keine Höhle für russland.TV


... oder: Warum es im Ural keinen Tourismus gibt.

Ein kleines Filmprojekt ist heute gestorben. Wir wollten eine berühmte Höhle mit Steinzeitmalereien filmen, nur etwa 30 Kilometer von unserer Basis hier in Ust-Kataw. Was soll ich sagen: Wir sind gerade zurück und wir haben sie tatsächlich nicht gefunden.



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Pünktlich zu unserem Vorhaben hatte gestern Abend Dauerregen eingesetzt. Aber wir sagten uns: In einer Höhle regnet es nicht, also trotzdem los. Der Weg ins Zielgebiet war aufgrund ortskundiger Begleitung kein Problem. Ein Fremder hätte allerdings die besagte Ortschaft nur schwer gefunden. Keine sichtbaren Hinweisschilder, nicht mal Ortsschilder gab es in der idyllischen Gegend. Sie erinnerte stark an eines der höheren deutschen Mittelgebirge, bloß ohne die zahlreichen Ortschaften und Schilder, einfach naturbelassen. Nichts als Bäume, Wiesen, Berge und Hügel, ab und zu ein Flüsschen oder ein paar altertümliche Holzhäuschen.

Tapfer haben wir mehrere Stunden alle in Frage kommenden Wege von der Hauptstraße bis zur Hubbelpiste dennoch abgefahren, wo unser Tourbus halt so noch hinkam. Nichts haben wir gefunden, aber wirklich gar nichts. Warum wir niemanden gefragt haben? Ich stellte bereits fest: Die Region war wirklich idyllisch. Das meine ich nicht im übertragenen Sinn, wir trafen ausschließlich zwei unbewachte Kuhgruppen (für Herden waren sie zu klein), eine Reihe von Greifvögeln (eine Vierergruppe und drei Einzelflieger), die wir aus Mangel an vogelkundlichen Kenntnissen nicht näher bestimmen konnten und ein frei laufendes Schwein, das plötzlich am Straßenrand stand, aber uns ebenfalls nur fragend anschaute. Vielleicht wegen des Regens war sonst die Landschaft von etwa 100 Quadratkilometern völlig menschenleer.

Eine Nachfrage in der nächsten Stadt, etwa 15 Kilometer vom Zielort, brachte uns ebenfalls nicht weiter. Ja, von der berühmten Höhle hatten man schon gehört, aber nein, wo sie genau da hinten ist, das weiß keiner. Nein, Schilder gäbe es garantiert keine, wahrscheinlich auch keine Straße. Aber genau wisse man das nicht, man sei selbst noch nie dort gewesen. So hatten wir irgendwann genug von der Höhlensuche. Auch konnten wir die teils richtig gebirgige Landschaft (sie befindet sich in unmittelbarer Umgebung des über 1600 Meter hohen Jamantau) nicht einmal für entsprechende Naturaufnahmen filmen, da die dichten Wolken bis fast auf Bodennähe alle Berge komplett umhüllten. Also dachten wir uns: Gibt es halt keinen Höhlenfilm, sondern einen von einer anderen Sehenswürdigkeit am Rand unserer 8.000 Kilometer-Reise.

So erschloss sich uns gleichzeitig, warum nicht einmal Transitreisende durch die hiesige Gegend von ihr mehr sehen, als die üblichen Monumente an der eurasischen Grenze neben der Autobahn. Etwas anderes zu suchen nimmt einfach zu viel Zeit in Anspruch, wenn man es überhaupt findet. Während es in Deutschland wegen jedem Provinzmuseum und krumm gewachsenen Hügel riesige Hinweisschilder gibt, verzichtet man im tieferen Russland komplett auf jeden Hinweis, selbst was die wichtigsten Sehenswürdigkeiten angeht. Und so etwas wie eine Organisation oder gar Vermarktung des Tourismus fehlt natürlich völlig. Unsere Höhle war immerhin als wichtiges Naturdenkmal in unserem russischen Autoatlas aufgeführt, deutschsprachige Abhandlungen und Artikel beschäftigen sich mit ihr.

Nun ja, andere Höhlen haben wir schon gesehen, selbst hier in der Gegend, also warum jammern. Am Donnerstag geht die Reise weiter auf der großen russland.TV-Tour. Dieses mal nach Süden an die kasachische Grenze, wo aktuell eine Dürre herrschen soll. Für uns kaum vorstellbar nach unserer heutigen Regentour.
Roland Bathon – russland.TV; Roland Bathon – russland.TV; Roland Bathon ist Autor des Buchs „Russland auf eigene Faust“, mehr Infos unter www.buecher.nachrussland.de

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