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24-08-2009 Reisen
Eine russische Hochzeit


Russische Hochzeiten sind anders - nicht unbedingt in der High Society, aber in der breiten Bevölkerung und vor allem in der Provinz. russland.tv on tour feierte eine Hochzeit an der kasachischen Grenze mit und erläutert anhand des Praktikums und vorausgehender Erfahrungen die Unterschiede.




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Anders, als von Mitteleuropa gewohnt, ist häufig schon einmal die Dauer. Zwei Tage dauern die Feierlichkeiten zu einer klassisch-russischen Verehelichung. Das hat nichts mit Standesamt und Kirche zu tun, denn in letzterer findet die große Mehrheit der russischen Trauungen auch nach dem Ende der UdSSR nicht statt. Die Kommunisten haben aus der Heirat eine weltliche Angelegenheit gemacht und hierbei ganze Arbeit geleistet. Auch Paare, die kirchlich heiraten, tun das häufig im Nachhinein oder geben diesem Teil nicht die zentrale Bedeutung, den er häufig in Deutschland genießt. Die sehr formelle orthodoxe Trauungszeremonie erscheint manchen Russen wohl auch nicht attraktiv. Wobei sich ein religiöser Brauch gehalten hat: Das Brautpaar erhält zur Trauung von der Mutter des Bräutigams in den nicht streng atheistischen Familien eine Ikone geschenkt. Und wirklich streng atheistisch ist nur eine Minderheit, es herrscht eine unbestimmte leichte Religiosität vor.

Die von uns jetzt besuchte Hochzeit startete mit einem Eröffnungsbrauch, wie es ihn häufiger gibt. Der Bräutigam samt Trauzeugem und einigen engen Freunden musste zunächst einmal den Zugang zur Braut erwerben, bevor er sie heiraten durfte. Verhandlungspartner sind bei diesem Brauch jedoch nicht, wie im Mittelalter beide Eltern der Braut, sondern vielmehr deren Freundinnen, Mutter und die Trauzeugin. Diverse lustige Aufgaben muss der Ehemann in diesem Zusammenhang mit Hilfe seines Anhangs unter Umständen bewältigen, wie das Beiseiteräumen von Barrieren durch Geldspenden oder die Gestaltung des Brautnamen mit Bargeld. Auch Fragen bekommt er über seine Zukünftige gestellt und muss natürlich bei falschen Antworten "Strafe" zahlen. Der Brautpreis ist hierbei nichts, was wirklich arm macht. Es muss nur ein ordentliches Bündel Geldscheine und Münzen zum Schluss zusammen kommen, was in Russland ohne allzu großen Finanzaufwand erreichbar ist. Der niedrigste Schein hat einen Nennwert von 10 Rubel, was etwa 20 Eurocent entspricht. Diese Geste hat nur symbolischen Wert und drückt die Wertschätzung des Bräutigams aus. Wochen vorher werden 10-Rubel-Scheine gesammelt. Teurer werden die meist im großen Kreis gefeierten Trauungen eher durch die Bewirtungskosten für die Gäste. Deren Entstehung wird von uns später erläutert.

Nach dem Brautkauf oder ähnlichen Eröffnungen geht es zusammen zum Standesamt. Unterwegs darf natürlich das kräftige Hupkonzert nicht fehlen, dass auch die deutschen Hochzeitsgesellschaften veranstalten. Nur dass in Russland noch häufiger noble Karosserien für den wichtigen Teil des Konvois gemietet werden. "In" sind bis in die Provinz vor allem für das Brautpaar selbst Strech-Limosinen. Der Klassiker ist jedoch bis heute der Wolga. Dieses ehemalige Gefährt sowjetischer Funktionärskader ist zwar für heutige Verhältnisse kein wirklicher Luxuswagen mehr, hat in Russland jedoch bis heute Tradition als Hochzeitsgefährt. Zuverlässig sind vor allem die älteren Modelle dieses Typs nicht immer. Bei der von uns besuchten Hochzeit musste unser Wolga zwischenzeitlich auch mal angeschoben werden. Gemietet werden häufig mehrere Wagen mit Chauffeur und die Dekoration ist aufwändiger, als man das meist in Mitteleuropa sieht.

Die amtliche Zeremonie unterscheidet sich von der deutschen kaum. Jawort, Ringe anstecken - auch das kennt man in Russland. Die amtliche Trauung ist vergleichsweise kurz und trägt zum großen zeitlichen Umfang des Events kaum etwas bei. Bei der aktuellen Hochzeit, an der wir teilgenommen haben, dauerte sie keine 15 Minuten. Neben den bereits erwähnten Programmpunkten gab es nur eine nette Ansprache, ein kleines Tänzchen, die Urkunde und weiter ging´s. Die Trauzeugen sind nach aktuellen russischen Recht übrigens nicht mehr notwendig, jedoch dennoch bei der Mehrheit der Hochzeiten vorhanden und aktiv. Nach der Trauung an sich geht es stets zu einem örtlich traditionellen Platz, an dem sich alle Brautpaare fotografieren lassen. Häufig ist das noch heute das Siegesdenkmal zum Zweiten Weltkrieg, wo Blumen niedergelegt werden. Es sind aber auch andere Plätze üblich, wie etwa in Kaliningrad (Königsberg) das Kant-Denkmal am alten Dom. Danach geht es manchmal noch zu anderen Plätzen mit hübschen Foto-Hintergründen - wenn das Wetter mitspielt.

Danach fährt der Konvoi natürlich zum Ort der Feier. Am häufigsten werden hier Sportheime oder kleine Sääle gemietet, bei denen man die Bewirtung selbst machen kann. Für die Brauteltern, die den Spaß zahlen müssen, ist die Hochzeit stets eine riesige Ausgabe und manchmal sogar kreditfinanziert. Die Autos fahren nicht auf dem schnellsten Weg, sondern mit Hupkonzert noch einmal kreuz und quer durch die Stadt. Am Ort der eigentlichen Feier steht natürlich bereits Essen, dass sich die Tische biegen. Bei der Ankunft gibt es zahlreiche kalte Speisen, warme Gerichte werden später nach und nach aufgetragen.Vorher ist es Zeit für die Verkündigung der Geschenke und Glückwünsche durch alle Gäste. Russische Hochzeitkarten sind zu diesem Zweck etwas großformatiger und enthalten kleine Gedichte, so dass man sich nicht krampfhaft etwas ausdenken muss, sondern vorlesen kann. Die Geschenke bestanden in unserem Fall ausschließlich aus Bargeld und Blumen, was in Russland nicht unüblich ist und als Startkapital für junge Paare auch wichtig. Sachspenden sind eher selten, Hochzeitstische in der Provinz nicht bekannt.

Am Veranstaltungsort der Feier übernimmt häufig ein professionelles Moderations - Unterhaltungsteam das Zepter über den Ablauf der Feier. Solche Teams gibt es in jeder Kleinstadt und ihr Programm ist eine intensive Show aus Musik, Spielen, Hochrufen und anderem. Im Fall der aktuellen Hochzeit bestand es aus einer Moderatorin und Sängerin, die ein wenig an die Fernsehshows auf dem russischen ersten Kanal erinnerte und einem kombinierten Mann für Akkordeon und Computer-Playback. Gesungen hat auch dieser. Als weiterer Profi ist ein Filmer beliebt, der dann später mit Hilfe einer fernsehtauglichen Kamera und einem raubkopierten Schnittprogramm einen meist überromantischen Hochzeitsfilm produziert. Die Qualität dieser Machwerke ist sehr unterschiedlich, aber das russische Publikum ist bei Kitsch allgemein recht unempfindlich.

Natürlich müssen auch bei solch einem Profi-Programm Brautpaar und Trauzeugen noch einmal arbeiten und Aktivität zeigen. Unterbrochen werden die Programmpunkte immer wieder durch "gorka"-Rufe der Hochzeitsgesellschaft. "gorka" bedeutet "bitter" und wenn dieser Ruf erschallt, muss sich das Brautpaar küssen. In Russland sollte sich niemand verehelichen, der sich nicht wirklich liebt und gerne küsst, denn das ist stets eine Hauptbeschäftigung des Paares während des gesamten Hochzeitsverlaufs. Auch ansonsten verlassen sich die Gäste bei der Abendgestaltung nicht auf die Profis und organisieren häufig eigene Programmpunkte, die in die vorhandene "Show" integriert werden. So durften wir eine durchaus ansehnliche orientalisch anmutende Tanzvorführung der jungen Freundinnen der Braut, ein Acapella-Lied mit Gästebeteiligung des Vaters des Bräutigams und eine Art Playback-Show mit Imitation prominenter Sänger erleben. Zu späterer Stunde kann man häufig auf Initiative der älteren Festteilnehmer russische Volksweisen hören, wo so manche Oma erstaunlich munter wird und mancher Opa selbst zu Akkordeon oder Gitarre greift. Das Programm der Profi-Unterhalter war bei der von uns besuchten Hochzeit recht typisch und bestand aus russischen Schlagern, Pop und dem einen oder anderen modern aufgepeppten Volkslied wie den allseits bekannten Weisen "Kalinka" und "Korobeiniki" (das Tetris-Thema).

Nicht alles auf der Feier wird dem Westeuropäer fremdartig anmuten. So erlebten wir wie auf vielen deutschen Hochzeiten eine Hochzeitstorte, eine Brautschuh-Auslösung und den Wurf des Brautstraußes in die Menge der unverheirateten Frauen. Für uns aus Deutschland nicht bekannt war jedoch der Wurf eines Brautstrumpfes durch den Bräutigam unter die unverheirateten Männer. Nach einem Feuerwerk (für das man in Russland natürlich keine Genehmigung braucht) und das zu jeder großen Hochzeit gehört klang der erste Tag der von uns besuchten Trauung mit einem russischen Brauch aus. Der Braut wurde unter feierlichem Folkloregesang der Brautschleifer von der Mutter abgenommen und diese quasi für die Nacht an dem Bräutigam übergeben. Der Geist des alten Russland wehte durch diese Zeremonie, entsprechend unterstützt durch dämmrige Beleuchtung und Gesang. Das Paar war auch zuvor schon sechs Jahre zusammen, es handelt sich hier um eine symbolische Geste aus alter Zeit.

Einen zweiten Tag zur Hochzeitsfeier leistet sich in der russischen Provinz jeder, der hierfür die entsprechende finanzielle Barschaft hat. Gäste von weiter weg übernachten meist bei Verwandtschaft am Ort. Der Tag zwei beginnt erst gegen Mittag - vorher ist kaum jemand wach. Der harte Kern der Gäste trifft sich unter Führung der Trauzeugen und Eltern des Brautpaars und wird von diesem zunächst kurz am Treffpunkt bewirtet, der sich in Laufreichweite des Feierlokals befindet, wobei natürlich wieder der erste Wodka fließt. Braut und Bräutigam sind hierbei nicht zugegen.

Dann werden zwei Personen als "falsches" Brautpaar kostümiert, natürlich jeweils von anderen Geschlecht, und ziehen mit den anderen im Gefolge zu Fuß zum Ort der Hochzeitsfeier. Zu ihrem Gefolge gehören stets ein pausenlos aktiver Akkordeonspieler für die Stimmung, eine Krankenschwester (aus einem Grund, den uns keiner erklären konnte) und die anderen, teils kostümierten und teils nicht kostümierten Gäste am Treffpunkt. Mitgeführt wird natürlich reichlich Wodka und Sakuska, die notwendigen Beilagen, damit auch alle gut ankommen. Unterwegs wird viel Musik gemacht, getanzt und Schabernack getrieben, nach dem Motto "eine bekannte Oma in ein Gespräch verwickeln und ihr vorübergehend die Einkaufstüte stibitzen". Alle vorbei fahrenden Autos begrüßen den Zug mit einem Hupkonzert.

Am Ort der Hochzeitsfeier angekommen, wird der Zug vom (echten) Brautpaar empfangen und am Eingang nochmals mit Wodka angestoßen. Jetzt kam zumindest bei dieser Feier der Moment, auf den der Westeuropäer wohl gewartet hat: Ein Satz Wodkagläser wurde vor der Tür an die Wand geworfen. Drinnen wird dann das echte Brautpaar - übrigens am zweiten Tag in normaler Kleidung - abgelenkt und das falsche setzt sich auf seinen Platz an der Tafel, um von dort durch geeignete "Bestechung" wieder vertrieben zu werden (im Fall dieser Hochzeit durch Übergabe eines Autoschlüssels für ein Schäferstündchen). Danach geht die Feier weiter. Tradition am zweiten Tag sind Suppe sowie Blini - gefüllte Pfannkuchen, doch sie werden natürlich durch überreichliche Beigaben ergänzt. Übrigens ist es in Russland nicht so verpönt wie hierzulande, sich von den Resten der Feier einzupacken, wobei die Alkoholreste dem Brautpaar gehören. Unterbrochen werden die Feierlichkeiten natürlich wieder von allerlei Spielchen und Darbietungen. Die Musik ist häufig etwas moderner ausgerichtet als am Tag eins. Leider war das einzige deutsche Lied, das wir hören durften, wieder einmal von der in der Heimat recht ausgelutschen Formation "Blue System". Klassische Bohlensche Einheitskost erfreut sich auf russischen Feiern leider recht großer Beliebtheit und die bessere Musik stammt meist aus dem eigenen Land.

Ein guter Teil der Spielereien zwischen den Tanzrunden hat die einfallsreiche Kollekte von Bargeld für das Brautpaar zum Inhalt. So wurde bei unserer Feier zum Beispiel die Suppe zunächst ohne Löffel serviert und als das "auffiel", konnte man zunächst einzelne, goldene Löffel ersteigern und mit dem Mahl beginnen, später dann wurden "normale" Löffel für geringes Entgelt feil geboten. Eine anderen Methode war ein Spiel, bei dem ein Mädchen und ein Junge getrennt voneinander Rubel einsammelten. Die Kollekte mit dem größeren Erlös sollte natürlich das Geschlecht des ersten Kindes der Ehe bestimmen. Als Sammelbehälter diente rosa und himmelblaue Babybekleidung. Ähnliche Spiele gibt es in Russland dutzendweise, auf die große Bedeutung des Startkapitals wurde ja bereits hingewiesen.

Traditionelle Basisgetränke beim Event sind im ganzen Verlauf auch heute noch Wodka und Sekt, daneben eher am Rande Wasser, Wein und Säfte. Im Alltag hat das Bier dem Wässerchen zwar etwas den Rang abgelaufen, aber zu Festlichkeiten ist Wodka nach wie vor die Nummer eins. Als eigene Beigabe präsentierten wir auf der Hochzeit eine Cocktailrunde. Eine solche ist dort eine Seltenheit und wurde begeistert aufgenommen - unter zahlreichen Hochrufen auf die Spender. Die Lautstärke der musikalischen Untermalung bewegt sich meistens knapp unter einer Diskothek, wobei sich größere Hochzeiten einen Ruheraum für das normale Gespräch leisten, ein sogenanntes Teezimmer, in dem auch Gebäck und Kaffee angeboten wird. Dieser gehört jedoch weniger zur Nachmittagszeit, sondern wird vor allem zur späten Stunde genutzt.

Auch die festlichste Hochzeit geht irgendwann einmal zu Ende. So manches Brautpaar ist dann recht ausgepowert. Der zweite Tag endet recht familienfreundlich bereits in den Abendstunden. Wer noch weiter feiern will, geht woanders hin - uns war es danach nicht zu mute. Es wurde - wie auf jeder russischen Hochzeit, die wir erleben durften - durchaus genug Action geboten. Nicht alle hier von uns geschilderten Bräuche sind landesweit anzutreffen und nicht jedes Paar absolviert das ganze Programm. Insbesondere in Großstädten und bei Heiraten mit Ausländern sind nur Einzelteile der Tradition anzutreffen und in Russland lebende Minderheiten haben natürlich ihre eigenen Bräuche, die von den geschilderten verschieden sind. Aber so manches gleicht sich doch zwischen Kaliningrad und Kamtschatka - wer auf eine echt russische Hochzeit geht, wird das feststellen.
Roland Bathon - russland.TV - Roland Bathon ist Autor des Buchs "Russland auf eigene Faust" - Infos unter www.buecher.nachrussland.de


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