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30-08-2009 Reisen
russland.TV vom Gesetz verfolgt


In einer Mammutreise von vier letzten Tagen ging die russland.TV-Tour nun zu Ende. Von der kasachischen Grenze aus Russlands Mittelasien ging die Reise in dieser Zeit zurück nach Deutschland. Während die Tage eins (bis zur Wolga) und vier (Polen und Tschechien) recht angenehm verliefen, schien es dazwischen, als hätten sich ukrainische, russische und auch EU-Amtsträger gegen das russland.TV-Team verschworen, um nach einem Monat der vorher recht erfreulichen Reise dieser noch einen negativen Beigeschmack zu geben.




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Alles begann in der Nacht zum zweiten Reisetag. Plötzliches Blaulicht am Wegesrand stoppte den Tourbus unvermittelt in Saratow an der Wolga. Ein Milizionär mit wichtiger Miene trat ans Fenster und verkündete, wir hätten eine doppelte durchgezogene Linie überfahren. Eine solch schien sich tatsächlich, etwas ausgewaschen, auf dem Boden zu befinden. Wir befanden und zwar auf der richtigen Seite davon, aber wir wussten nicht, ob wir diese eventuell berührt hatten, da sie gerade an einer unübersichtlichen Stelle als Ende einer Einbahnstraße aufgetaucht war. Deshalb begann nun das übliche Gesprächsritual zwischen einem Fernreisenden in Russland und einer Milizstreife, die diesen wegen eines tatsächlichen oder vorgeblichen Verkehrsverstoßes angehalten hat.

In der ersten Phase stellt der Milizionär fest, dass es sich um einen sehr schweren Verstoß handelt, der eigentlich zumindest einen vorübergehenden Führerscheinentzug zur Folge hat. Es ist nun am Autofahrer in Panik auszubrechen und das deutlich zu zeigen, da man ja sein Tausende Kilometer entferntes Ziel noch erreichen müsse. In Phase zwei signalisiert der Milizionär Verständnis für die Situation des Reisenden und nach einer Weile beginnt er anscheinend, nach einer Lösung des Problems zu suchen. Erfahrene Russlandreisende beginnen hier bereits von sich aus, vom Zahlen der Strafe zu reden. In unserem Fall fragte der Polizist sogar, was wir denn so abzudrücken könnten angesichts der hohen Schwere des Verstoßes. Nach etwas Hin und Her einigt man sich dann in Phase drei auf eine Summe, die meistens über der tatsächlichen Strafe liegt, aber eben unter Rückgabe des Führerscheins. Diese wird gezahlt, natürlich ohne Quittung. Meistens unter „guten Tipps“ für die weitere Fahrt (so auch bei uns) reist man ab und zwei Milizionärsfamilien haben wieder etwas Zusatzeinkommen. Übrigens ist das ganze keine Ausländer-Abzocke, da inländische Fernreisende so ebenfalls geschröpft werden.

So weit, so unerfreulich. Natürlich fing es danach zu regnen an (und hörte 500 km nicht mehr auf) und wir verfuhren uns im Gewirr der Vororte und Umgebungsstraßen der Stadt. Auch in der folgenden Großstadt Woronesch mussten wir uns durch tonnenweise Verkehr kämpfen, da die Straße in Richtung Ukraine direkt durch die Stadt führte. Direkt hinter uns natürlich Ewigkeiten ein Fahrzeug der Verkehrspolizei. Zum nächsten Höhepunkt sollte es jedoch erst an der russisch-ukrainischen Grenze kommen.

Die überquerten wir an einem kleinen Übergang bei Kursk, der sich in einer Gegend befand, aus der der Erfinder der Redewendung „wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“ herkommen musste. Noch nie mussten wir in so kurzer Zeit hupend so viele Rinder-, Ziegen- und Gänseherden von der Straße vertreiben. Nach Passieren der russischen Ausreisekontrolle ohne besondere Vorkommnisse ging es zu den Ukrainern. Dort erlebten wir unsere nächste Überraschung. Wir wurde spontan und ganz offen gefragt, ob wir die „schnelle“ oder die „langsame“ Methode der Grenzabfertigung wünschten. Wir stellten uns dumm und meinten, der Grenzbeamte müsse doch wissen, in welchem Umfang Kontrollen nötig seien. Dieser meinte, dass man das verschieden handhaben könnte, je nachdem was man so zahle. Eine solch offene Aufforderung zur Bestechung ist uns bei Grenzkontrollen noch nicht vorgekommen. Es erinnerte in ungeheurem Umfang an die Klischees, die Westeuropäer von Ländern wie Ukraine und Belarus haben. Hier muss die Regierung Timoschenke-Juschtschenko doch noch kräftig an der Einstellung ihrer Bediensteten arbeiten, bis diese mal wirklich EU-tauglich sind. Von den Beschäftigten Lukaschenkos ist das trotz aller offiziellen Westausrichtung nicht weit entfernt.

Wir wählten die langsame Abfertigung und so wurden wir zwischen verschiedenen Barracken 90 Minuten hin und her geschickt, obwohl vor uns an diesem Hinterhof-Übergang gar niemand dran gewesen war. Währenddessen hörten wir noch ein unerfreuliches Gerücht, das hinter der Grenze von ukrainischer Miliz noch einmal abgezockt werden würde und erinnerten uns an eine ominöse „Durchquerungsgebühr“ für eine ukrainische Region im Jahr 2002. Wie dem auch sei – uns haben die zusätzlichen zur-Kasse-Beter dieses mal nicht erwischt und wir fuhren bis Kiew ohne weitere Vorkommnisse.

Kiew hat von uns den Titel „Stadt der verlorenen Schilder“ schon bei der letzten Reise verliehen bekommen. Stets findet man bei der Stadteinfahrt Hinweistäfelchen, wo man das nächste Ziel auf seinem Weg findet, stets führen sie einen in das Stadtzentrum und stets sind sie dort dann an irgend einem Punkt verschwunden, so dass man sich alleine an einem unbekannten Punkt einer fremden Millionenmetropole befindet. Zurückfahren zum letzten Schild ist sinnlos, da man es zwar findet, aber es trotz weiterer Suche das letzte bleibt. Auch dieses mal kamen wir an diesem Punkt und ließen uns von einem vorausfahrenden Taxifahrer auf die richtige Ausfallstraße leiten.

So kamen wir irgendwann in der Grenzregion zu Polen an. Hier gingen unsere Alarmglocken noch einmal an. Es waren keine Kühe und Gänse, die hier am Straßenrand standen. Ab der letzten Großstadt Lwow standen am Weg zum Grenzübergang im Abstand von nur wenigen Kilometern ständige Streifen der ukrainischen Verkehrspolizei. Meistens bereits in Begleitung anderer Fahrzeuge mit oft ausländischem Kennzeichen, die ihnen zum Opfer gefallen waren. Man bekam ein wenig das Gefühl, die ukrainische Miliz hatte ihre gesamten Kräfte hier zusammen getrommelt, um noch einmal richtig zu kassieren. Mit extremer Vorsicht und angespannten Nerven fuhren wir vorbildlich auf die Grenze zu.

An einer Stelle mit zwei Fahrspuren in jeder Richtung hatten wir uns links eingeordnet und mussten in etwa 500 Metern links abbiegen. Zwei Fahrzeuge befanden sich hinter uns. Da passierten wir am Rand die nächste Polizeistreife, die uns herauswinkte. Der Vorwurf, den sie gegen uns erhob, war ungeheuerlich: Wir hätten durch niedrige Geschwindigkeit die beiden Fahrzeuge hinter uns behindert. Das sei „hier bei uns in der Ukraine“ nicht zulässig. Der Rest vom Ritual war vergleichbar mit Saratow (es wurde wirklich mit einem erneuten kurzfristigen Führerscheinentzug gedroht), nur die Finanzforderung stand schon fest: 80 Euro, gerne zahlbar in Westvaluta. Man hatte hier ja Erfahrung im Umgang mit Ausländern. Nach dem quittungslosen Kassiervorgang durften wir weiter. Dieser Vorfall war besonders ärgerlich. War es in Saratow immerhin möglich gewesen, dass wir einen Verkehrsverstoß begangen hatten (der dann aufgeblasen wurde), handelte es sich hier in der Ukraine um ein rein konstruiertes Delikt.

Doch die Krone wurde allem dann nicht von osteuropäischen Beamten aufgesetzt. An der Grenze angekommen, erwarteten uns die längsten Schlangen, die wir jemals an einem Übergang gesehen hatten. Der Grund waren, wie wir nach 12 Stunden Wartezeit feststellten, nicht die Ausreisekontrollen der Ukrainer. Vielmehr handelte es sich um die von den Polen durchgeführten Einreisekontrollen der Europäischen Union, die hier äußert schleppend den Verkehr aufhielten. Diese gestalteten sich vor allem bei den Durchsuchungen der Fahrzeuge recht umfangreich.

Irgendwann kamen wir doch an die Reihe. Ein Grenzwächter im EU-T-Shirt befragte uns während dem Durchwühlen unseres Gepäcks (sogar auf deutsch) nach den mitgebrachten Waren und wir gaben wahrheitsgemäß unter anderem unsere zwei Stangen Zigaretten an. Hier bekam er ein bedauerndes Gesicht. Leider sei durch eine neue EU-Verordnung die zollfreie Menge der mitgeführen Zigaretten gegenüber dem letzte Jahr auf zwei Schachtel pro Erwachsenem gesenkt worden, für uns also vier Schachteln. Wir hätten nun entweder die Wahl, zurück zu fahren oder die Tabakwaren hier zu lassen. Das war für uns kein Problem und wir übergaben die 16 Schachteln, die durch die Änderung zu viel waren. Mit fast entschuldigender Miene fügte der Beamte uns nun hinzu, wir müssten dann 150 Zloty Strafe zahlen, was etwa 15 Euro entspricht. Auch hier hatten wir Verständnis und erkundigten uns nach der nächsten Wechselstube, da hier Euros nicht akzeptiert wurden.

Wir fanden sie und gingen zur Strafzahlung zurück zu dem T-Shirt-Träger mit dem bedauernden Gesicht. Dieser bat uns zu folgen und mit unsrem Auto wurden wir auf einen Hof hinter dem Gebäude gelotst, vor eine Halle, wo man uns alleine und etwas ratlos mit Bus und Zloty zurück ließ. Wir warfen einen Blick hinein und waren geschockt. Hier war gerade in einem werkstattähnlichen Raum ein ganzes Einsatzkommando von diesen T-Shirtträgern damit beschäftigt, zwei ukrainische Autos auf der Suche nach Schmuggelware in ihre Einzelteile zu zerlegen. Eine Oma musste sich gerade zur Leibesvisitation entkleiden. Obwohl in unserem Auto gar nichts entdeckt worden war – die beiden Zigarettenstangen hatten wir auf die erste Frage gleich von uns aus angegeben und zu Beginn der Kontrolle von uns aus übergeben.

Vom Hundeblick-Kotrollator war nichts mehr zu sehen und so schauten wir den emsigen EU-Beamten zu, wie sie aus Türverschalungen und Motorräumen uralter Autos Wodkakisten zum Vorschein brachten. Man merkte gleich, dass man hier Osteuropa bereits hinter sich gelassen hatte. Es gab sogar einen Kaffeeautomaten, damit man beim warten oder zuschauen, wie das eigene Auto ausgeräumt und zerteilt wurde, nicht Durst leiden musste.

Nach einer knappen Stunde durften wir den Tourbus dann in die Halle fahren. Wenig später kam ein einzelner Angestellter des Suchkommandos und fing an, etwas lustlos Gepäck zu durchwühlen, einige Verkleidungen abzuklopfen und in diverse Fächer zu schauen. Das erste geöffnete Gepäckstück enthielt passenderweise Damenunterwäsche, das zweite Kinderspielzeug, das dritte Reiseproviant. Das schien ihm entgültig die Lust zu rauben und er hörte auf und schickte uns zu einer Kollegin in ein Büro. Diese tippte daraufhin tonnenweise Daten in einen Computer (bis zu den Namen unserer Eltern) und übergab uns am Ende nicht nur eine Quittung, sondern auch einen ordentlichen Bescheid und eine genaue Beschlagnahmungsniederschrift. Sie sprach sogar richtig gut Deutsch und erklärte uns, wir könnten gegen den Bescheid innerhalb von sieben Tagen beim polnischen Zollamt in Irgendwo Widerspruch einlegen, wenn wir möchten.

Wir taten das nicht, sondern unterschrieben lieber möglichst rasch alle möglichen polnischsprachigen Papiere. Auch ihrem sehr freundlichen „auf Wiedersehen“ konnten wir uns nicht anschließen und meinten „lieber nicht“, denn durch die 90minütige „Sonderbehandlung“ hatten wir mittlerweile 13 ½ Stunden an diesem Grenzposten verbracht, anstatt auf unserem polnischen Lieblings-Campingplatz. Dieses mal wollten wir auch Polen lieber möglichst schnell verlassen und lieber günstige und gut geführte tschechische Autobahnraststätten genießen.

Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dieser Reiseabschnitt wäre normal. Zu seinem Beginn waren wir bereits über 5.000 Kilometer auf der Tour unterwegs, ohne dass irgend etwas ähnliches passiert wäre. Wir haben aber als Fazit gezogen, dass wir spätere Reisen nach Russland keinesfalls über die Ukraine als Transitland fahren werden. Auch die dortige Visumfreiheit kann uns dorthin nicht mehr locken. Dass die Zustände und Behandlungsweisen der Offiziellen die Individualtouristen nicht gerade scharenweise nach Osteuropa lockt, wundert uns nicht.
Roland Bathon - russland.TV - Roland Bathon ist Autor des Buchs "Russland auf eigene Faust" - weitere Infos unter www.buecher.nachrussland.de

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