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21-09-2009 Reisen
Kaliningrad entdeckt seine deutsche Vergangenheit neu


Ruslan Smolin wohnt in Russland, aber er selbst sieht das nicht so. "Ich habe noch nie in Russland gelebt", sagt der 25-jährige Bewohner von Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg.




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"Wir leben in Europa, in Mitteleuropa. Wir sind Europäer", ist er überzeugt. "Das einzige, was uns mit Russland verbindet, ist der Name", fügt er hinzu und bezieht damit klar Position in der immer lauter werdenden Debatte einer Stadt, die sich nicht sicher ist, wozu sie gehört: zum Westen, zu Mitteleuropa, so wie es aus der Historie und der Geographie gefolgert werden könnte, oder zu Russland, dessen Staatsgebiet die Exklave im Baltikum seit mehr als sechs Jahrzehnten angehört.

Ritter des Deutschen Ordens gründeten Königsberg im Jahr 1255. Über Jahrhunderte war der Ort die Hauptstadt von Ostpreußen und ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Deutschen. Der Philosoph Immanuel Kant ist hier geboren und gestorben, und seit der EU-Osterweiterung des Jahres 2004 ist die Stadt von Mitgliedsländern der Europäischen Union umgeben. Berlin, Stockholm oder Warschau liegen deutlich näher als Moskau.

Trotzdem leben auf dem an der Ostsee gelegenen Flecken Erde zwischen Litauen und Polen seit 1945 vor allem Russen. Nachdem die Rote Armee der Sowjetunion die Stadt damals von den Nationalsozialisten befreit hatte, wurden die deutschen Bewohner vertrieben. Das ehemalige Königsberg hieß nun Kaliningrad, benannt nach dem kommunistischen Politiker Michail Kalinin. Und bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde über die deutsche Vergangenheit der ehemaligen preußischen Stadt der Mantel des Schweigens gebreitet. Heute dient die strategisch günstig gelegene Exklave als wichtiger Stützpunkt der russischen Armee.

Ein Symbol für die wechselvolle Vergangenheit der Stadt ist ihre gotische Kathedrale. Durch britische und US-Bomben wurde das 1333 errichtete Bauwerk gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt und existierte jahrzehntelang nur noch als Ruine. Erst im Jahr 2005, zum 750. Geburtstag des ehemaligen Königsbergs, konnte das renovierte Gotteshaus wieder eingeweiht werden. Der Wiederaufbau wurde von Deutschland, Polen und Russland finanziell unterstützt.

Genau wie die Kathedrale fiel auch das ehemalige Königsberger Schloss dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Im Jahr 1967 ordneten sowjetische Behörden schließlich den Abriss der Ruinen des historischen Gebäudes an, das zuvor preußischen Königen und Mitgliedern des Deutschen Ordens als Wohnsitz gedient hatte. An seine Stelle sollte ein Verwaltungsgebäude der sowjetischen Führung treten, das allerdings nie fertiggestellt wurde, weil der Boden wegen Kellerräumen und Tunneln des alten Schlosses als nicht fest genug erschien. Heute graben Archäologen dort nach Überresten der deutschen Geschichte der Stadt.

"Es ist klar, dass diese Stadt nicht mehr Königsberg ist", sagt Svetlana Koval, die im historischen Museum Kaliningrads arbeitet. Dennoch sagten heute viele: "Die Geschichte des Deutschen Ordens ist auch meine Geschichte." Unter den 940.000 Einwohnern der Exklave gebe es zahlreiche Menschen, die noch nie einen Fuß auf russisches Staatsgebiet außerhalb von Kaliningrad gesetzt hätten. Wer von dort aus mit dem Auto oder der Eisenbahn in andere Regionen seines Heimatlandes reisen will, muss zunächst nämlich auch bürokratische Hindernisse überwinden: Für den Transit durch die umliegenden EU-Mitgliedsländer ist ein Visum nötig. [ Aleks Tapinsh/afp/russland.RU ]

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