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06-10-2009 Reisen
Von Venedig nach Petersburg zu Fuss: “Man ist auf die Freundlichkeit der Menschen angewiesen”


[ Von Eugen von Arb ] Während neun Monaten und über 4000 Kilometern Fussmarsch hat der Schweizer Markus Zohner St. Petersburg erreicht. Auf seinem Weg von Venedig ist er sich selber näher gekommen, hat die Menschen besser kennen gelernt und Gedanken und Bilder für ein Buch gesammelt.



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Der grosse Mann mit zerzaustem Haar und hellen Sportschuhen sticht aus dem Menschengewimmel auf dem Newski-Prospekt heraus – mit ruhigen, aber aufgeweckten Augen schaut er um sich. Etwas Ungläubiges ist auch darin zu erkennen, als wollten sie sagen: “So, da steh ich nun also am Newski, aber ich glaube es immer noch nicht.” Neun Monate brauchte Markus Zohner, um die neun Länder entlang der Bernsteinstrasse auf insgesamt 4060 Kilometern abzulaufen: Italien, Slowenien, Ungarn, Tschechien, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Russland.

Absolvent der Dimitri-Schule im Tessin

Zohner reist gerne und viel und hat während seiner Arbeit als Schauspieler, Regisseur, Fotograf und Flieger viele Länder gesehen. Vor zwanzig Jahren kam der Münchner in die Schweiz, um im Tessin die Dimitri-Schule zu absolvieren, und noch heute lebt er in Lugano und leitet seine eigene Truppe. “Aber jedes Mal wenn ich wieder dorthin zurück komme, juckt es mich schon nach ein paar Wochen wieder, eine neue Reise zu unternehmen,” erzählt er.

Zu jucken begann es ihn auch als er auf die Geschichte der Bernsteinstrasse stiess und sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinander setzte. “Ich stellte fest, dass der Weg durch Länder führt, die mich alle sehr interessieren”, erklärt der Wanderer. “Eigentlich ist die Bernsteinstrasse ein eben so bedeutender Handelsweg wie die Seidenstrasse, nur ging sie während des Kalten Kriegs vergessen, weil sie dem eisernen Vorhang zum Opfer fiel.”

Romantisches Unternehmen bei oft unromantischen Bedingungen

Nach gewissenhafter Vorbereitung setzte er den den fantastischen Plan in die Wirklichkeit um – ausgerüstet mit dem Allernötigsten: Schlafsack, Kleider, Kamera und Telefon, Maximalgewicht: 15 Kilogramm. Beim Start vor Venedigs Kulisse wirkte er noch wie ein simpler Durchschnitttourist – doch bald wurden die Bilder in seinem Fotoblog sehr viel nüchterner. Als einsamer Wanderer musste er die weite Ebene in Richtung Slowenien durchqueren und stellte spätestens bei der Überquerung der ersten Flüsse und Bäche fest, dass die Brückenbauer von heute nicht an Fussgänger denken.

Dazu begann das romantische Unternehmen in einer oft unromantischen Jahreszeit: Winter und Frühling mit Pflotsch, Kälte und eisigem Wind, und das in den gebirgigen Regionen Italiens, Sloweniens und Tschechiens. Berg um Berg, Hügel um Hügel, Grenzpfahl um Grenzpfahl eroberte er. Neben ihrer dokumentarischen Aufgabe zeichneten Zohners regelmässig aufgenommene Selbstporträts auch seine Gemütsverfassung auf. Mal ist die blanke Erschöpfung, mal der Zauber über die Schönheit einer Landschaft, dann wieder unverhohlener Stolz und Freude nach einem überwundenen Hindernis darin zu lesen. Hinzu kommen viele lustige und interessante Details, die am Weg liegen – und die man eben nur als Fusswanderer sieht.

Wanderer ohne GPS – “Ich wollte keinem Computer nachrennen”

Obschon die meisten der durchquerten Länder zivilisiert und gut ausgeschildert sind, kann man sich verlaufen, und ein Satelliten-Navigationsgerät hätte sich als Wegweiser angeboten. Aber Zohner verzichtete bewusst darauf: “Ich wollte meinen Weg selber finden und keinem Computer nachrennen,” begründet er. Trotzdem ist ein GPS-Gerät im Gepäck dabei, das in so genannten “Tracks” die zurückgelegte Route genau aufzeichnet. “Diese Geräte arbeiten so präzis, dass jede Pinkelpause und jeder kleine Umweg nachzulesen ist.”

“Umwege” machte Zohner auf seiner Reise einige – die meisten bewusst. Zum Beispiel unternahm er im früheren Sudetenland im tschechisch-polnischen Grenzgebiet einen ausdehnten “Seitensprung”, um die Region kennen zu lernen, woher seine Grosseltern stammen. Auch längere Pausen – freiwillige und unfreiwillige – gehörten zu dieser Reise. “Mit der Zeit merkte ich, dass ich nach fünf Tagen eine Pause einlegen musste, um mich von den Anstrengungen zu erholen”, erzählt er. “Je nach Standort meiner nächsten Unterkunft hatte ich an einem Tag bis zu 40 Kilometer zurück zu legen.” Die Marschpausen machte Zohner meist in Städten, zum Beispiel für zwei Wochen in Danzig, wo er auf sein russisches Visum warten musste. Neben Besichtigungen musste er bei solchen Zwischenstopps Artikel schreiben und Bilder seiner Reise ins Internet stellen.

Was braucht der Mensch zum Leben?

Wandern ist Pilgern, ist innere Einkehr – was passiert da bei einem Schauspieler? “Eigentlich haben mich auf dieser Reise dieselben Fragen beschäftigt, um die es auch bei meiner Theaterarbeit geht: Wer bin ich? Was macht mich und mein Leben aus? Was braucht der Mensch zum Leben? Ich habe gemerkt, wie wenig ich wirklich brauche – Essen, ein Bett – und das eigentlich nur leihweise… Mein Mobiltelefon und meine Kamera sind Dinge, ohne die ich ohne weiteres leben könnte. Das wurde mir klar, als mir in Riga mein Telefon gestohlen wurde. Im ersten Moment hat es mich geärgert, dann habe ich verstanden, dass es auch ohne geht.”

Wer wandert begegnet auch vielen Menschen – guten und schlechten. “Ich habe grösstenteils gute Erfahrungen gemacht, und mir wurde bewusst, wie sehr man auf die Freundlichkeit der Menschen angewiesen ist.” Auf seiner letzten Etappe von der estnisch-russischen Grenze nach St. Petersburg wurde er spontan von einem Russen eingeladen. “Ich durfte dort nicht nur übernachten, sondern am nächsten Tag fuhren wir noch auf die Datscha und gingen Pilze suchen”, erzählt er schmunzelnd. Obschon Russland nicht gerade für seine Fussgängerfreundlichkeit bekannt ist, kam er ohne Probleme mit nur sechs Tagen Verspätung gemäss Zeitplan am 21. September an der Petersburger Stadtgrenze an.

Nach der Rückkehr beginnt die Arbeit mit Bildern und Texten

Die Stadt, ihre Architektur und Atmosphäre gefallen ihm sehr – “Das ist eine Stadt, in die ich zurückkehren möchte.” Mit seiner Rückreise ist zwar das Unternehmen selbst beendet, aber dann beginnt die Auswertung der vielen Texte und Bilder, die während der Reise entstanden sind. Ein Projekt, ist schon in Vorbereitung – im November soll in der Schweiz ein Buch über die Reise erscheinen.
[ Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Kennt kein Rotlicht: Fussgänger Markus Zohner hat nach neun Monaten den Newski-Prospekt erreicht. (Eugen von Arb/SPB-Herold)




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