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19-10-2009 Reisen
Kurzerfahrung aus der Provinz
Dem russischen Landleben und sich selbst auf den Grund geht der Berliner Autor Jörg Dauscher in dem kleinen Büchlein „Der Sommer in K. - Erzählung aus einem russischen Dorf“, das aktuell im deutschsprachigen Buchhandel erschienen ist.

Die Handlung ist schnell erzählt. Dauscher reist in nicht näher bezeichneter Begleitung über Lettland in das westrussische Dorf K., wo er unter regionaltypisch-einfachen Verhältnissen einen Sommer verbringt.


Mitten unter alten Landbewohnern, Datschnikis aus der Großstadt und den selten vorbeiziehenden Händlern beschäftigt er sich hier mit Dingen wie Kartoffelernte und Wasser holen. Hierbei unterhält er seine Leser immer wieder mit tief schürfenden Gedanken zur Umgebung, dem russischen Landleben oder der Ortsgeschichte. Am Ende geht es im Spätsommer wieder nach Hause.

Dauscher umschreibt das umgebende Szenario sprachlich geschickt und mit gutem Blick für wichtige Details. So vermittelt er die Atmosphäre der tiefen Provinz an der lettischen Grenze für ihn als Fremden nachvollzieh- und fühlbar. Das gesamte Buch befindet sich sprachlich auf einem hohen Niveau, das durchaus für tiefgründige Betrachtungen über das einfach Landleben in Osteuropa geeignet ist. Das im Klappentext erwähnte Literaturstudium des Autors macht sich hier bemerkbar.

Dennoch krankt das Buch an seinem dünnen Inhalt – es passiert einfach fast nichts auf den gerade einmal etwa 70 Seiten dieses Werks (die nur durch große Zeilenabstände und viel Leerraum erreicht werden). Wer einen unterhaltsamen Reisebericht sucht, wird auf jeden Fall enttäuscht. Ein solcher lag wohl auch nicht in der Absicht des Autors. Besser geeignet ist die Sommererzählung für Leser mit Interesse an der versuchten Selbstfindung eines Großstädters inmitten einer völlig fremden Umgebung.

Was der Erzählung fehlt und diese Geschichte eines Sommers auch im Bezug auf Teile seines Anspruchs scheitern lässt, ist bedingt durch die offenbar fehlenden Russischkenntnisse Dauschers. Es ist ihm kaum möglich, Details und Schicksale aus seiner Umgebung mehr als nur optisch anzureißen und sich damit auch einmal mit jemand anderem als sich selbst intensiv zu beschäftigen. Alle anderen Personen, die durch die ominöse Ortschaft „K.“ laufen (alle übrigen Schauplätze werden mit vollem Namen erwähnt), bleiben lückenhafte Schemen. Die aktuelle Sozialstruktur einer solchen Ortschaft in Russland wird zwar gut durchschaut, aber die Menschen, die sie bilden, bleiben im Dunkel.

Von Russland und seinen Menschen erfährt so der Leser recht wenig. Da die Anreise schon kurz hinter der Grenze zwischen dem Schengener Raum und Russland endet, gibt es auch durch sie kaum Erkenntnisse. So bleibt „Der Sommer in K.“ eine sprachlich hochwertige Betrachtung eines russischen Ortes durch einen Fremden, der auch nach dem erlebten ein solcher geblieben ist. Der Aufenthalt zur Selbstfindung in Russlands Provinz ist dadurch nicht mehr, als ein kurzfristiges Auftauchen aus der großstädtischen Welt – ein staunender und kurzer Blick auf die Einfachheit Osteuropas.

Daten zum Buch: Jörg Dauscher: Der Sommer in K., Erzählung aus einem russischen Dorf, ISBN 978-3839127254, BoD-Verlag Norderstedt 2009
Roland Bathon – russland.TV – Russland hören und sehen; mehr Russlandbücher unter www.buecher.nachrussland.de


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