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29-12-2010 Reisen
Zwei Sorten Flugchaos


[ von Roland Bathon ]Vielleicht kann man Chaos an Flughäfen nicht objektiv behandeln, wenn man selbst zu den Betroffenen zählt – wie aktuell ein russland.TV-Team auf seinem Weg in den Ural. Umso leichter fällt es einem aber, chaotische Zustände an den Flughäfen Frankfurt und Moskau zu vergleichen, die man subjektiv erfahren konnte.



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So am 26.12. in Frankfurt den Totalausfall aller Flüge von und nach Moskau und leicht zeitversetzt an die US-Ostküste in Frankfurt. Was man dann in Mitteleuropa Chaos nennt, äußert sich hauptsächlich in Serien von Verspätungen und Annulierungen, außerplanmäßigen Übernachtungen in Flughafenhotels oder am Flughafen selbst und Entschädigungsgutscheinen.

Ein ganz anderes Kaliber haben jedoch Chaostage in Moskauer Airports. Hier kamen wir eigentlich an, als in der Nacht vom 27. auf den 28.12. das Schlimmste schon hätte vorbei sein sollen – zwei Tage nach Eisregen und Stromausfall, wegen dem wir ja in Frankfurt fest hingen. Weit gefehlt. Dass wir überhaupt ankamen, war schon das erste Glück. Denn noch eine halbe Stunde vor der Landung hieß es „auf nach Sankt Petersburg“, weil Domodedovo „will uns nicht“. Erst durch penetrantes Moskaukreisen erzwang der Kapitän eine Landemöglichkeit am Zielort und erntete dafür Applaus von den bereits gestressten Passagieren.

Vom Flugzeug wurden wir in ein Menschengewühl entlassen, das desorganisierter nicht hätte sein können. Immer wieder kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen erregten Fluggästen (sofern sie fliegen durften) und entnervten Personal. Bestehende Zeittafeln hatten mit der Realität der tatsächlich abgehenden Flüge kaum etwas zu tun. Ab und zu ein Jubelschrei irgendwo im Saal, wenn seit Tages fest sitzende Passagiere doch die Nachricht eines Weiterflugs über einen herumrufenden Airlinemitarbeiter erhalten hatten. Und überall nur Menschen, Menschen, Menschen, entnervt, frustriert, zwischen Bangen und Hoffen. Gelegentlich sogar eine ernstere Situation wie Zusammenrottungen von Passagieren einer bestimmten Destination und drohende massive Gruppenproteste, bis die Flughafenmiliz anrückte.

Unsere Fluggesellschaft arbeitete derweil am Tag drei des Flughafenchaos nach dem System: „Wir haben ein Flugzeug, wir brüllen mit dem Megafon in die Halle, ob genug liegen gebliebene in eine bestimmte Richtung herum sitzen und dann geht mal irgendwann ein Flieger in die Richtung“. Wenn noch was frei ist, zieht der Megafonist nochmal einmal um den Airlinestand und schreit noch einmal lauter.

Ansonsten informierte Mitarbeiter Fehlanzeige, dafür riesige Menschenmassen, die meist einen Gepäcktrolley zum Sessel, Bett oder Büro umfunktioniert hatten. Pech hatte, wer im wichtigen Moment nicht in der Rufreichweite der Flüstertüte war oder sich keinen Trolley erkämpfen konnte, denn offizielle Sitzplätze sind in Domodedovo eher rar. Pech auch für die vielen armen Schalterangestellten, die zum Prellbock für Passagierunmut mutierten.

In unserer eigenen Destination mussten wir erleben, dass sang- und klanglos zwei Maschinen auf geheimnisvolle Art vom Flugplan verschwanden, in die wir eigentlich steigen wollten, genau wie viele andere woanders hin. Als Hohn empfindet man es dann, wenn die beinahe gescheiterte Landung unseres Ankunfts-Fliegers im Nachhinein mit „vollen Flugzeugparkplätzen“ erklärt wurde. Erst am Abend von Tag drei gab es überhaupt wieder eine nennenswerte Anzahl von Maschinen, die nach Plan und nicht nach dem Schema Megafon verkehrten. Mit echter Monsterschlange am Check-In, die an Sowjetzeiten erinnerte.
Es wundert insgesamt nicht, dass mittlerweile die Moskauer Staatsanwaltschaft gegen den Domodedovo-Betreiber Eastline ermittelt und Präsident Medwedjew selbst Stellung nahm. Ein Ergebnis dieser Aufmerksamkeit war übrigens, dass am Tag drei die Passagiere mit Wasser und Snacks versorgt wurde – übrigens durch freie Verteilung an irgend einem Eingang an jeden, der gerade vorbeikam. Gutscheine sollen gerüchteweise nur an ein paar Westpassagiere von ihren Airlines gegangen sein, die ansonsten aber ebenso ratlos herumstanden, wie ihre billiger russisch fliegenden Kollegen.

So dauerte unsere Winterreise per Flugzeug in den Ural fast genauso lange wie die Autotour im Sommer 2009 – vier Tage – und war wesentlich abenteuerlicher. Allerdings nicht wegen dem Winter im Ural sondern dem auf Europäischen Flughäfen. Schließen möchten wir diesen extrem subjektiven Erlebnisbericht denn auch ganz unjournalistisch mit Grüßen an die Schicksalsgemeinschaft des Fluges S7 900A – sie werden wissen, wen wir meinen. Ihre Gesichter werden wir nie vergessen, auch wenn wir sie vielleicht fröhlich nicht wiedererkennen würden.
Roland Bathon – russland.TV, Russland hören und sehen
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