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05-08-2004 Reisen
Petersburg wählt europäische Lebensnormen
Der Generalplan für die Entwicklung von Sankt Petersburg, der acht Jahre intensive intellektuelle Tätigkeit in Anspruch genommen hat, ist abgeschlossen worden. Demnächst wird der Plan zum Gesetz erhoben.

Und so kann man heute endlich einen Blick in die Zukunft der Stadt werfen, etwa in die Zeit bis zum Jahr 2015.

Petersburg hat eine nicht gerade einfache Geschichte.

Vom tyrannischen Willen Peters I. ins Leben gerufen, kümmerte sich die Stadt nie ernsthaft um das Leben ihrer Einwohner. Die größte nördliche Stadt Russlands wurde ausschließlich im Interesse staatlicher Belange gebaut.

In all den 300 Jahren existierte die Stadt unter den Bedingungen aggressiver Naturerscheinungen und eines außerordentlich angespannten sozialen Lebens. Im Ergebnis war die Riesenstadt am Ufer eines launischen Flusses eine Geisel der Ambitionen des russischen Imperiums, eine Militärsiedlung an der Seeküste, eine Stadt, eher auf Krieg als auf Frieden eingestellt.

Seit dem Sturz des russischen und des sowjetischen Imperiums siecht die Stadt des Zarentraumes nur so dahin. Mindestens 40 Prozent der Einwohner benötigen soziale Unterstützung. Die Ökologie der Newa, ihrer Arme, des Finnischen Meerbusens und der Zustand der überalterten städtischen Infrastruktur sind beinahe katastrophal.

Bekanntlich beginnt der Ruin in den Köpfen.

Eben deshalb setzt der Plan zur Reinigung der Augiasställe von Petersburg den Akzent vor allem auf die Verbesserung der Denkqualität.

Dem Generalplan liegt die Idee einer offenen europäischen Stadt zugrunde: Verzicht auf die niedrigen früheren gesamtrussischen Standards der Qualität des städtischen Milieus zugunsten europäischer Lebensnormen. Diese Zielsetzung wird es erlauben, endlich der sinnlosen Akkumulierung des Schlechten ein Ende zu setzen und die Wiederholung der früheren städtebaulichen Fehler zu vermeiden.

Die Offenheit setzt voraus, dass die Stadt real bereit sein muss, sowohl für das Funktionieren der föderalen Machtorgane als auch für ausländische Vertretungen und ein aktives Unternehmertum die günstigsten Bedingungen zu schaffen. Es gilt, den engen Rahmen des Provinzlerischen zu sprengen und eine Stadt nationaler und internationaler Veranstaltungen werden lassen, eine Stadt globaler Projekte, eine Stadt des Tourismus.

Kurzum, die Zeit ist gekommen, Petersburg den eleganten Glanz einer Kulturmetropole zurückzugeben.

Die heutigen Gegensätze zwischen Petersburg als Industrie- und Petersburg als Denkerstadt seien entschieden voneinander zu trennen, meinen die Städtebauer, der Vorrang gehöre der intellektuellen Zukunft. In diesem Sinne muss Petersburg zu einem russischen Harvard werden. Laut Plan nimmt die Zahl der Lehreinrichtungen entschieden zu. Die Hochschulen neuen Typs und das Netz von Technoparks und Innovationslabors werden sich nicht mehr in der Enge der Stadtmitte zusammendrängen müssen, sondern sich auch auf die Vorstädte ausdehnen.

Besonders akzentuiert wird die medizinische Wissenschaft, gleich vier medizinische Komplexe - das Metschnikow-Krankenhaus, die Militärmedizinische Akademie, die 1. Medizinische Hochschule und das Ensemble der Akademie der mediziniscshen Wissenschaften der Russischen Föderation - werden in der Siedlung Pessotschny entstehen.

Gleichzeitig damit verändert sich das Konzept des Tourismus. Zu dem früheren individuellen Tourismus in den Grenzen der konservierten Zone der Paläste wird der Massen-Sporttourismus hinzukommen. Geplant ist, Petersburg zu einem Ort ständiger internationaler Olympiaden zu machen, es werden große Sportanlagen der Extraklasse gebaut werden, beispielsweise ein Zentrum für Pferdesport mit einer Rennbahn in der Umgebung der Stadt Puschkin sowie Zentren des Segel- und des Motorbootsports an der Küste des Finnischen Meerbusens.

Nach dem Beispiel von Moskau mit seinem "Goldenen Ring" wird Petersburg seinen "Silbernen Ring" haben, zu dem altehrwürdige, aber verschönerte Städte gehören werden: Jam, Koporje, Weliki Nowgorod, das Naturschutzgebiet an der Swir, Tichwin mit seiner reichen religiösen Geschichte, Staraja Ladoga, das geheimnisvolle Korela, das mondäne Wyborg und die Walaam-Insel mit dem berühmten Kloster.

In jedem Ort des Ringes sollen nicht nur Hotels höchster Kategorien gebaut werden, sondern auch für alle erschwingliche Motels, Campings und kleine Pensionen für ein paar Familien entstehen.

Das Zentrum von Sankt Petersburg wird entsprechend dem Generalplan konserviert. Das historische Profil der legendären Uferstraßen, das wunderbare Bild des Palast-, des Senatsplatzes und des Mars-Feldes, die Schönheit des Newski-Prospektes bleiben unverändert, aber erstmalig werden zu gegenseitig vorteilhaften Bedingungen zu ihrer Aufrechterhaltung und Rekonstruktion weitgehend Privatmittel herangezogen werden. Einige Palais können durchaus Privateigentum werden - wie das auch früher einmal war.

Schließlich schafft der Generalplan für immer die bisherige Konzentration der Geschäfts-, Kultur- und Verbraucheraktivität auf dem schnurgeraden Newski-Prospekt allein ab und schlägt die entschiedene Entwicklung eines polyzentrischen Systems vor. Von nun an werden Elitehäuser in mehreren Richtungen zugleich - an der Newa und längs der Arme des Newa-Deltas - gebaut werden.

Mehr noch, völlig neue Zonen der Geschäftsaktivität werden an der Küste des Finnischen Meerbusens Platz finden, und am Ende der Wolchonskoje-Chaussee soll ein Klein-Petersburg entstehen, eine Vorstadt von föderaler und internationaler Bedeutung. Dieses neue Petropolis wird vier städtebauliche Chefs d'Oeuvres zu einem einheitlichen Palast- und Parkensemble zusammenschließen: Petrodworez mit der Residenz des Präsidenten, Strelna, das mit Puschkin aufs engste verbundene Zarskoje Selo und Pulkowo.

St. Petersburg, eine Stadt der Steine aus Peters I. Zeit, wird zu einer Stadt mit viel Grün und Wasser. (Anatoli Koroljow, Kommentator der RIA Nowosti.)

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