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21-10-2012 Reisen
Abchasische Abenteuer: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde


[von Michael Barth] Gagra/Arabika – Wer keinen bedingungslosen Teamgeist besitzt sollte es besser bleiben lassen. Menschen mit Klaustrophobie sowieso. Die „Befahrung“ einer Höhle ist keine Kaffeefahrt. Kälte, Nässe, Enge und Lehm zehren selbst erfahrenen Höhlenforschern oftmals an den Nerven und bringen sogar Extremsportler an ihre Grenzen. Besonders dann, wenn es sich um die tiefste Höhle der Welt handelt – das System der Krubera-Höhle in den Abchasischen Ausläufern des Kaukasus, sage und schreibe -2.197 Meter unter der Erdoberfläche.



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Romantisch ist es ja schon, auf einem geführten befestigten Weg mit elektrischer Beleuchtung, in die Welt untertage einzutauchen. Wir bestaunen Tropfsteine, die in der Dunkelheit langsam vor sich hin wachsen und ergötzen uns an bizarren Gebilden aus Stein. Der Begriff „Wunder der Natur“, drängt sich auf. Und wenn es anfängt uns bei einer konstanten Temperatur von etwa 10 Grad Celsius allmählich kühl zu werden, sind meist auch schon der Ausgang – und damit auch die schützende und gewohnte Umgebung wieder erreicht.

Ganz anders jedoch gestaltet sich eine Expedition in den Bauch der Erde. Regionen zu erforschen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen, geschweige denn betreten hat, genießt einen ganz besonderen Reiz. Der Adrenalin- und Dopaminschub nach all dem Schweiß und den Strapazen, die während der Befahrung zum ständigen Begleiter werden, bleibt eine unglaubliche Erfahrung. Doch der Weg dorthin ist steinig. Im wahrsten Sinne des Wortes. So mancher hat sich sicher schon gefragt, was es für einen Sinn macht, zentnerschwere Ausrüstung erst auf den Berg hinauf, dann in den Berg hinein und schließlich den Berg wieder hinunter zu schleppen. Sie alle haben es nicht bereut.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Der Bauch der Erde, bis auf wenige Ausnahmen geformt von Wasser, das poröse Kalksteinschichten im Lauf von Jahrmillionen durchdrungen und allmählich seinen Weg in die Tiefe gefunden hat. Für die antiken Griechen war es der Hades, der das Tor zur Unterwelt, die Pforte zum Reich der Toten darstellte. Die Welt hinter der Welt, das Mysterium. Noch heute bezeugen im deutschen Sprachraum all die Teufelslöcher, die Hexenkammern und die Drachenhöhlen, wie sie sich im Namen überliefert haben, von der magischen Anziehung und gleichzeitig der Furcht vor dem Unbekannten, das tief unter der Oberfläche schlummert.

Seit Menschengedenken wurden Opfergaben eingebracht, um das Unerklärliche zu besänftigen. Schon wesentlich rationeller war die Sicht der ersten Naturkundler, meist Pfarrer und Lehrer, die sich ab dem frühen 18. Jahrhundert mit der Unterwelt beschäftigten. Sie fanden fossile Tier- und Menschenknochen, Tonscherben aus längst vergangenen Zeiten. Daraus sollte eine Wissenschaft geboren werden: Die Speläologie. Gelehrte aller Sparten beschäftigten sich mit den Wundern, die unter der Oberfläche auf sie warteten. Geologen, Morphologen, Hydrologen, Paläontologen und Biologen, sie alle fanden ein neues Terrain für ihre Forschungen. Aber der Reiz der Unterwelt zog auch bald die sportiven Alpinisten und Extremsportler in seinen Bann und Wissenschaft begann sich mit Sportsgeist zu vereinen.

Jagd nach Rekorden

Zugegeben, so spannend das Innenleben einer Höhle an sich schon ist, der Mensch neigt nach Höherem, in dem Fall Tieferem, zu streben. So beschäftigt sich die sportive Höhlenforschung zunehmend mit der ehrgeizigen Frage: Wie geht es weiter? Bereits im Jahr 1956 stieß die Speläologie in den französischen Alpen an die -1.000 Meter-Grenze. Jahrelang galt der Gouffre Berger im Departement Isère bei Grenoble mit -1.122 Metern als die tiefste Höhle der Welt. 1998 gelang einer polnischen Expedition im Schachtsystem des Lamprechtsofen eine weitere signifikante Marke zu setzen. Zwar geht es im „Lampo“, wie er in einschlägigen Kreisen liebevoll genannt wird, stets nach oben, die Vertikaldifferenz beträgt aber dennoch +1.632 Meter ab dem Einstieg am Fuß der Salzburger Kalkalpen.

Lange konnten sich die polnischen Höhlenforscher allerdings nicht über ihren Höhenrekord im Salzburger Land freuen. Es ging mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts ein Gerücht durch die Szene, dass im Westkaukasus gerade ein Höhlensystem erforscht werde, das alle bisher bekannten Ausmaße in den Schatten stellen würde. Dann, im Januar 2001, kam aus der Ukraine die Bestätigung: Ein internationales Team um Juri Kasjan und Alexander Klimtschuk hat in der Woronja-Höhle, der „Krähen-Höhle“, die -1.710 Meter-Marke erreicht. Systematische Expeditionen der Ukrainischen Speläologischen Vereinigung sollen die Gewissheit bringen – sind die schon fast mythischen 2.000 Meter in die Tiefe noch zu knacken?

Ende Gelände? Von wegen!

Seit ihrer Entdeckung 1960 durch georgische Geologen schlummerte die Woronja-Höhle quasi im Dornröschenschlaf. Aus den allerersten 90 Tiefenmetern wurden zwar bis in die achtziger Jahre noch -340 Meter, das war es aber auch schon – Schicht im Schacht, 2256 Meter über dem Schwarzen Meer auf einer Hochfläche des Arabika-Massivs. Erst als die Ukrainer ihre Forschungsschwerpunkte auf einen bislang vernachlässigten Seitenast, die Krubera-Höhle, konzentrieren, kommt Fahrt in die Erkundung. Die Krubera, benannt nach dem russischen Geologen Alexander Kruber (1871 – 1941), verteilt jedoch keine Geschenke – sie will erarbeitet werden.

Wenn der Druck von Millionen Megatonnen Gestein auf dem Brustkorb lastet und das heimelige, wärmende Tageslicht Stunden, ja gar Tage entfernt ist, das winzige Licht der Helmlampe kaum auszuleuchten vermag, wohin die Reise geht. Wenn der Mensch gleich einer Spinne an einem dünnen Seil durch die Dunkelheit schwebt – ja dann wird auch der Höhlenforscher unweigerlich zum Tier. Tage- ja gar wochenlang räumten die Ukrainer bislang unpassierbare Engstellen frei und bahnten sich allmählich ihren beschwerlichen Weg in das Innere des Berges – mit jeder Expedition wurde die Krubera-Höhle tiefer und tiefer.

Knochenarbeit unter Tage

Die schweißtreibenden Strapazen sollten sich für die Forscher lohnen. Im Jahr 2004 wurden, wieder von den Ukrainern, -1.785 Meter Tiefe vermeldet. Zwei Tage später, am 25. August 2004, war die Krubera-Woronja bereits -1.840 Meter tief vermessen. Und immer noch war kein Ende auf dem Weg nach unten in Sicht. Immer beschwerlicher wurden die Passagen, die Hauptarbeiten zur weiteren Fortbewegung wurden mittlerweile mit schwerem Gerät und kleinen Sprengsätzen vorgenommen, um Engstellen zu erweitern. Die Forscher schleppten zuletzt immer mehr Material in die Tiefen der Erde.

Inzwischen sind an den Expeditionen weit über 50 Höhlenforscher und Helfer an der Oberfläche aus bis zu elf Nationen beteiligt. Gut fünf Tonnen Material werden durch Muskelkraft in die Höhle eingebracht. Hier muss das Team funktionieren – am Ende der Befahrung stehen letztlich gerade noch sechs der Teilnehmer am vorerst tiefsten Punkt der Höhle. Die anderen räumen Geröll weg und verlegen kilometerlange Feldtelefonleitungen, um mit dem Basislager oben im Ortobalagan-Tal Kontakt zu halten. Die Forscher sind nicht nur ein paar Stunden unter Tage, nein Tage sind es mittlerweile – ja sogar Wochen. Täglich zwanzig Stunden arbeiten sie am Stück.

Ein großes Malheur bei einer Expedition

Als sich der Spanier Sergio Garcia-Dils am Höhleneinstieg von seiner Freundin verabschiedet, will er am nächsten Tag wieder bei ihr sein. Erst nach Wochen sollte er wieder ans Tageslicht zurückkehren. Stattdessen verharrte Garcia-Dils in einem Biwak in -495 Metern Tiefe, um seinem französischen Kollegen Bernard Tourte beizustehen, der sich auf dem Weg zum „Mittelpunkt der Erde“ am 23. Tag der Expedition bei einem Unfall schwer verletzt hat. Ganze 63 Stunden nach dem Unfall müssen die beiden Höhlenforscher bei drei Grad Celsius und 98% Luftfeuchtigkeit warten, bis Tourte endlich von seinen Helfern geborgen werden kann.

Kein leichtes Unterfangen, wenn eine Bahre in die Tiefe gebracht werden muss und der Rückweg gespickt ist mit Passagen, die selbst einem gesunden Körper schier die Kraft rauben. Teils nur in zentimeterweisen Schritten kann schließlich der Verletzte aus dem dunklen und kalten Terrain nach oben gebracht werden, wo an der Oberfläche bereits ein Hubschrauber wartet, um Bernard Tourte ins nächste Krankenhaus zu fliegen. Der Rest des Teams arbeitet sich unterdessen immer weiter in den Berg hinein. An der Erdoberfläche tobt gerade ein Konflikt zwischen Abchasien und Georgien. Die Forscher bekommen von all dem nichts mit, sie sind in ihrer eigenen Welt.

Und endlich: Der Durchbruch

Ab dem Biwak „-1400“ dringen die Speläologen weiter in die Tiefe vor. Sauerstoff-Flaschen müssen heruntergebracht werden, weil in der Höhle mittlerweile Siphons den Weg blockieren. Metertiefe Senken im Gangverlauf, die sich mit Wasser füllen und den Weiterweg versperren. Das vorläufige Ende des Schachtes lag nach dem Tauchgang bei -1.910 Metern unter der Erdoberfläche. Bereits im Oktober 2004 wurde endgültig die „Schallgrenze“ durchbrochen. Als Juri Kasjan auf -1.940 Meter eine Schachtstufe hinabfährt, ist die 2.000-Meter Marke endlich geknackt. Dieser Streckenabschnitt, der ab nun „Millennium“ genannt wird, führt die Forscher nach weiteren Metern in eine kaum zehn Meter hohe und ebenso breite Felsenkammer, deren Boden mit feinem Sand bedeckt ist.

-2080 Meter ist die Krubera-Woronja-Höhle nun tief. „Game over“ benennen die Ukrainer den kleinen Raum, gerade noch 170 Höhenmeter vom Schwarzen Meer entfernt. Die nächste Entdeckungswelle rollt im September 2006 durch das Abchasische Gebirge. Wieder ist es ein bisher vernachlässigter Nebengang, der weiter hinab in die Tiefe der Krubera führt. Nachdem der „Kwitotschka“-Siphon durchtaucht ist, führt der Gang wieder, nur parallel zur vorherigen Route, durch die magische -2.000 Meter Marke. Im stetiges Hinab geht es durch den engen, unterirdisch mäandrierenden Wasserlauf und die Expedition steht vor der nächsten großen Herausforderung.

Menschen am Limit…

Der Siphon „Dwa Kapitana – die zwei Kapitäne“ markierte vorerst den Endpunkt auf der Reise zum Mittelpunkt der Erde – 2.158 Meter unter der Erde, knapp hundert Meter über dem Meer. Im September 2007 machen sich zwei französische Taucher im zwei Grad kalten Wasser auf ihren Weg um der Krubera weitere Tiefenmeter zu entlocken. Die „Dwa Kapitana“ werden noch einmal gut 30 Meter tief betaucht. Unglaubliche -2.191 Meter werden im kalten Wasser unter Extrembedingungen vermessen, nur noch 65 Meter über dem Schwarzen Meer. In den Folgejahren werden die anderen Gangverläufe der Woronja-Krubera-Höhle bei systematischen Forschungen erfasst.

Eher eine systematische Arbeit, denn eine weitere Sensation bleibt vorerst aus. Immerhin wird bei diesen Befahrungen, die sich vor allem auf den „Nekuibyschewskaja“-Ast der Woronja-Höhle konzentrieren, die Gesamtganglänge, sprich alle bekannten Teile des Höhlensystems in der Horizontalen zusammen addiert, mit 13.432 Metern ermittelt. Im Jahr 2010 tauchten sowohl ein litauisches, als auch ein israelisches Team wieder in den „Zwei Kapitänen“. Wenngleich auch noch ohne Erfolg, konnten die Forscher aus Jerusalem zumindest berichten, dass das Ende der Messe in den „Dwa Kapitana“ noch nicht gelesen sei.

…und genügsame Tiere in der Tiefe

Erst am 10. August 2012 konnte der ukrainische Höhlentaucher Grennady Samochin weitere sechs Meter in die Tiefe erkunden. -2.197 Meter, nicht einmal mehr 60 Meter vom Meeresspiegel entfernt, ist die Krubera nun in die Tiefe gewachsen. Vom Hydrogeologischen Standpunkt aus gesehen, könnte sich das System der Krubera sogar noch unter dem Grund des Schwarzen Meeres weiter in die Tiefe ziehen, um letztlich als unterseeische Quelle wieder zum Vorschein zu kommen. Im Frühjahr 2012 präsentierten spanische Speläobiologen eine weitere Sensation vom Grund der Krubera-Höhle: Tierisches Leben. Wobei der Fund auf fast -2.000 Metern eher eine zoologische Überraschung war.

Neben einer bisher unbekannten Käferart, allerdings in geringerer Tiefe bereits 2010 gefunden, konnten gleich vier neue Spezies an millimetergroßen Collembolen, zu Deutsch Springschwänze, eine Urtierart aus der evolutionären Phase, als sich die krabbenartigen Krustentiere zu Insekten entwickelten und auf die Landmasse vordrangen, neu bestimmt werden. Verwandt zum Beispiel mit dem gemeinen Floh, scheint er der Überlebenskünstler unter den Sechsfüßern zu sein. Der Springschwanz kommt daher sowohl in der Wüste als auch eben in unwahrscheinlichen Tiefen bei ewiger Dunkelheit, mit minimalistischer Nahrung als Grundlage, vor.

Die tiefste Höhle der Welt: Eine der tiefsten Höhlenbergungen die jemals durchgeführt wurde, die am tiefsten aufgespürten Tiere in ewiger Dunkelheit und der tiefste Höhlentauchgang der Geschichte – die Krubera-Woronja-Höhle ist ein Rekord schlechthin. Um es in den Worten eines der Expeditions-Leitern, Alexander Klimtschuks, zu sagen, „Es ist wie die Entdeckung des Süd- und des Nordpols gleichzeitig. Und wenn du wieder oben bist, warten auf dich Licht, Gerüche und Farben…“

Ein bisschen werden uns die Höhlen in den Bergen Abchasien in Zukunft wohl noch beschäftigen. Denn mittlerweile befinden sich die bislang zweit- und dritttiefsten Schachthöhlen der Erde eigentlich gleich um die Ecke. In diesem Sinne: Glück auf!

Foto 01: Die Woronja-Krubera-Höhle – nicht unbedingt ein lässiger Sonntagsausflug in den Bergen des Westkaukasus.
Foto 02: Die Kulisse im Basislager auf 2256 Metern ist allerdings fantastisch.
Foto 03: Aber zuerst heißt es Material in den Berg einzubringen. Materialschlacht am Limit.
Foto 04: Der tiefste Punkt der Höhle ist jedoch den Tauchern vorbehalten.
Foto 05: Aber die Taucher sind nicht die einzigen in -2000 Metern Tiefe. Winzige Krebstierchen haben es sich in ihrer unwirtlichen Umgebung häuslich gemacht.
(Fotos: Cavex-Team)

[ Michael Barth/russland.RU]
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