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07-08-2013 Reisen
Optimistitschna Petschera – Die Rekordhöhle in der Ukraine


[Von Michael Barth] Koroliwka – Nachdem wir ja bereits etliches an Blut, Schweiß und Tränen alleine beim Schreiben über die tiefste Höhle der Welt vergossen haben, erinnerten wir uns angesichts der derzeit brütenden Hitze an die angenehme Kühle, die im Bauch von Mutter Erde herrscht. Diesmal führte unsere Reise zwar nicht in die Tiefe, aber weit – sehr weit sogar. 238 Kilometer wollen erwandert sein.

Ziemlich genau in der Mitte zwischen Lviv, beziehungsweise Ternopil und der rumänischen Grenze befindet sich in der Südwestukraine die Hochebene der Podolischen Platte. Die Oberfläche dieser Mittelgebirgslandschaft ist geprägt von sanften, mit Feldern und Wiesen bedeckten, Hügeln, die stellenweise, als wollten sie von einer gewissen Eintönigkeit im Landschaftsbild ablenken, von tiefen mäandrierenden Flusstälern durchzogen werden. Wesentlich interessanter wird es da schon unter der Oberfläche. Die Podolische Platte ist nämlich ein kleiner Teil des größten zusammenhängenden Gipskarstgebiets der Erde, das sich von den Karpaten bis weit zu den Pripjat-Sümpfen, sowie nach Polen erstreckt.

Gips – mehr als nur Baumaterial

Aus geologischer Sicht betrachtet ist Gips nichts anderes als umgewandeltes abgelagertes Sediment, quasi ein Verdunstungsprodukt eines ehemaligen Meeres. Im Lauf von vielen Millionen Jahren haben sich die Rückstände des urzeitlichen Meeres Paratethis an dieser Stelle als Anhydrit angereichert. Wenn dieses Mineral fortwährend mit Sickerwasser von der Oberfläche gesättigt wird, entsteht durch die konstante Sauerstoffzufuhr in einem chemischen Prozess Kalziumsulfat, eben dieser uns sehr wohl von Renovierungsarbeiten bekannte Gips. Wegen der Wasserlöslichkeit führt dies entlang tektonischer Klüfte zu einer ausgeprägten Hohlraumbildung unterhalb der Erdoberfläche.

Eingelagerte Lehmschichten verhindern dabei den direkten Durchfluss in die Tiefe, sodass sich die eindringenden Wässer in der Fläche ausbreiten konnten. So entstanden im Lauf der Zeit eindrucksvolle unterirdische Karsterscheinungen. Eine davon ist besonders erwähnenswert. Der Optimistitschna-Höhle kommt spezielles Augenmerk zuteil, denn sie ist die längste Gipshöhle der Welt und zudem die Fünftlängste überhaupt unter den Höhlen dieser Erde. Exakt 238 Kilometer erstrecken sich die bislang erkundeten Gänge labyrinthisch durch den Berg. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn der Grundriss begrenzt sich durch den tektonischen Kluftverlauf auf einer Fläche von lediglich zwei Quadratkilometern.

Verzweigte Drainagen durch die Unterwelt

Die systematische Erforschung der Optimistitschna Petschera begann im Jahr 1966, ein Jahr nach ihrer Entdeckung durch Lviver Höhlenforscher. Die Speläologen Sawtschin und Soljar gruben einen Kanal vor dem Loch, aus dem ziemlich viel Wasser floss und stießen nach knapp hundert Metern auf einen engen Einstieg in ein komplexes System, das später noch von sich Reden machte. 1967 waren bereits fast zehn Kilometer der Gänge bekannt, wiederum ein Jahr später, 1968, waren stattliche 48 Kilometer vermessen – in den darauffolgenden zwanzig Jahren sollten sich noch etliche weitere dazugesellen. Schon damals zählte die Optimistitschna zu den längsten Höhlen der damaligen Sowjetunion.

Bei solchen immensen Ausdehnungen ist es schier unerlässlich Biwakplätze einzurichten, was sich durch die wasserführenden Passagen nicht überall zu bewerkstelligen war. Aber dennoch wurden die Wege immer weiter und die Kilometer der Ganglängen immer mehr. Aufgrund stellenweise sehr enger Passagen, oft mehrere hundert Meter lang, ist die Befahrung (so lautet das Eindingen in den Untergrund im Bergbaujargon) dieser Höhle mitunter extrem Kräfteraubend. Etliche Teilabschnitte der Optimistitschna Petschera sind letztendlich nur in geduldiger Kriecherei zu erreichen. Daher wurde deswegen 1977 eine Gangstrecke von 380 Metern Länge durch eine Grabung tiefer gelegt, um noch weiter ins Innere vorzudringen.

Vom Irr- in den Zaubergarten

Der Aufwand hatte sich damals gelohnt: Ein weiterer Höhlenabschnitt wurde entdeckt und das System wuchs und wuchs. Bis ins Jahr 2006 erlebte die Höhle fünfzig zielgerichtete Expeditionen und schwoll auf eine Gesamtganglänge von 215 Kilometer an. Dann wurde es ein bisschen still um die Optimistitschna. Durch das engmaschige Netz ihrer Gangverläufe wird sie, zwar spaßeshalber, aber durchaus sehr trefflich, als „Irrgartenhöhle“ bezeichnet. Das was den Eindringling in dieser ewigen Finsternis jedoch erwartet, wird dem optimistischen Namen der Höhle auf alle Fälle gerecht. Auch wenn man riesige Hallen und Dome vergeblich suchen wird.

Da insgesamt der Höhenunterschied in den Gängen gerade einmal 15 Meter beträgt, bezirzt das Interieur der Optimistic-Cave eher durch seine Kleinodien. Allerorts finden sich an den Wänden und Decken zauberhafte Kristallausblühungen. Diese entstehen, wenn der sowieso schon kristalline Gips permanent einer starken Wasserdurchfuhr ausgesetzt ist und dadurch weichere Sedimenteinlagerungen regelrecht ausgespült werden. In der Folge bleiben härtere Mineralien als prismenförmige Nadeln stehen. Die Größe dieser Gebilde variiert von wenigen Millimetern bis hin zu mehreren Metern, zumal in tropischen Gefilden. Daher genießt die Optimistitschna Petschera auch einen besonderen Schutz.

Region der Superlativen

Der Eingang wurde vor einigen Jahren mit einer stabilen Tür versperrt und gegen unbefugtes Betreten gesichert. Selbst im Inneren sind vorgeschriebene Wege durch Plastikbänder abgegrenzt um den Erhalt der fragilen Schönheit zu gewährleisten. Da die Optimistitschna nicht touristisch erschlossen ist, ist es notwendig sich an die Späleologischen Vereine in Lviv, Ternopil, beziehungsweise Chmelnizkij zu wenden. Hier können individuelle Führungen in die Höhle vereinbart werden. Ebenso können des Weiteren Führungen in die zahlreichen anderen Gipshöhlen des Podolischen Karstes organisiert werden, die alle in nächster Umgebung der Optimistitschna zu finden sind.

Denn, und das ist eine weitere Superlative, das Gebiet birgt alles in allem die fünf längsten Gipshöhlen der Welt. Der zweitgrößten ihrer Art gebührt jedoch besondere Aufmerksamkeit. In unmittelbarer Nähe zur Optimistitschna, gerade noch 950 Meter entfernt, befindet sich die 127 Kilometer lange Oserna-Höhle. Späleogenetisch betrachtet handelt es sich bei den beiden Riesenhöhlen um ein und dasselbe System. Die kristallinen Wunderwerke der Natur zeigen sich hier sogar noch eindrucksvoller als in ihrer großen Schwester. Doch dass diese beiden Extreme des Podolischen Karstes jemals miteinander verbunden werden, ist so gut wie ausgeschlossen, da sich im Lauf der Jahrmillionen der Fluss Korospeska sein tiefes Bett mitten hindurch gegraben hat.

Wenn Ihnen unsere Ausflüge in die Unterwelt bisher gefallen haben, werfen Sie ruhig ab und zu einen Blick auf russland.RU. Denn auf dem Gebiet der GUS finden sich noch etliche Extreme der Natur, die in die Höhe oder Tiefe führen und selbstverständlich nehmen wir Sie auch dorthin mit…

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[ Michael Barth/russland.RU]
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Foto 1: (Foto: Bagriy Kirill)
Foto 2: (Foto: uaeta.org)
Foto 3: (Plan: Lviv Speleo Club)
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