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17-08-2004 Reisen
Moskauer gegen Abriss des Hotels Rossija
Ein weiteres Architektursymbol der sowjetischen Epoche, das Hotel Rossija an der Moskwa neben dem Kreml, soll bald Vergangenheit werden. Der Moskauer Oberbürgermeister, Juri Luschkow, hat kürzlich verordnet, das „sowjetische Hilton" abzureißen.

Obwohl das Rossija weder architektonischen Charme noch eine starke historische Aura besitzt, sind über 70 Prozent der Moskauer gegen die Zerstörung des Hotels. Das ergab eine Umfrage des Radiosenders „Echo Moskwy".

Dem Schicksal des Hotels sind nicht nur Schlagzeilen in der russischen Presse gewidmet, sondern auch Beiträge in ausländischen Printmedien. Einen nostalgischen Artikel veröffentlichte etwa die deutsche „Tageszeitung". Allerdings waren ähnliche Beiträge auch zu jener Zeit erschienen, als über das Schicksal des Hotels Moskwa entschieden worden war. Das Moskwa wurde trotzdem demontiert (man versprach freilich, das Hotel zu rekonstruieren). Heute werden alte Hotels in der russischen Hauptstadt planmäßig abgerissen, um an ihrer Stelle komfortablere Hotels zu bauen. Moskau rechnet damit, dass sich die Zahl der ausländischen Gäste und Touristen im Jahre 2005 mindestens verdoppeln wird.

Das kolossale Hotelgebäude für 5000 Gäste war 1967 im typischen Stil der Chruschtschow- und Breschnew-Zeit errichtet worden und ist alles andere als schön. An Stelle des Rossija hätte eigentlich ein Stalinscher Wolkenkratzer des Architekten Dmitri Tschetschulin entstehen sollen. Der damalige sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow verordnete aber, ein Hotel mit 4000 Betten für die Delegierten der Kreml-Kongresse zu errichten. Das auf dem Fundament des geplanten Hochhauses gebaute Hotel war zu lang und zu breit. Es beeinträchtigte das Kreml-Panorama und zerstörte die Harmonie seiner unmittelbaren Umgebung, die aus kleinen Kirchen, altertümlichen Palästen und anderen historischen Gebäuden bestand. „Monster", „falscher Zahn" - es mangelte nicht an ironischen Bezeichnungen. Solche Definitionen gab es allerdings auch für andere modernistische und postmoderne Gebäude aus 1960er - 1980er Jahren.

Der Geschichts- und Kulturbeitrag des Hotels Rossija ist mit dem vom National, Metropol oder Moskwa nicht gleichzusetzen. Prominente aus dem Ausland stiegen selten im Rossija ab, es gab dort kaum geschichtsträchtige Treffen und Empfänge für Politiker und Künstler. Das im Guinnes-Buch der Rekorde gelandete schwerfällige Marmor- und Glasgehäuse ist den Russen trotzdem ans Herz gewachsen. Für einige ist das Rossija ein nostalgisches Sinnbild der vergangenen Sowjetzeit, für andere ein naiver Beweis für die Sowjetmacht und ihre Neigung zum Gigantismus. Manche erinnern sich an angenehme Abende in den Hotelrestaurants, in denen die damaligen Mangelartikel wie Kognak und Feinkostwaren angeboten wurden.

Für einen großen Teil der Moskauer Stammbewohner ist die Entscheidung über den Abbruch des Rossija ein weiteres Signal für die Vernichtung des früheren lieben Moskaus. Das „schreiend sowjetische" Hotel wird längst als ein „nicht wegzudenkender Teil" der Altstadt wahrgenommen. Gegen seine Vernichtung kämpfen nun die Moskauer Intellektuellen.

Das Drei-Sterne-Hotel nimmt einen Platz ein, wo „Hotels einer höheren Klasse" hätten stehen sollen, so der Chefarchitekt von Moskau, Alexander Kusmin. Das Grundstück im Zentrum der Hauptstadt sei unglaublich teuer, werde aber nicht vernünftig genutzt. „Es soll dort unterirdische Parkplätze geben", sagte Kusmin. Wenn ein Weltstar wie Paul McCartney ein Konzert auf dem Roten Platz geben würde, so hätten die Gäste „keinen Platz, wo sie ihre Autos parken könnten".

Zum neuen Komplex an Stelle des Rossja werden acht Hotels, Büroräume, Restaurants, Unterhaltungslokale und Sportstudios gehören. Die Rentabilität des Rossija betrug laut Experteneinschätzungen 25 bis 30 Prozent, die des neuen Komplexes soll um eine Größenordnung höher liegen. Die neuen Hotels sind voraussichtlich kleiner, aber komfortabler. Der geplante Komplex soll im klassischen Architekturstil errichtet werden, damit er mit dem Kremlensemble harmoniert. (Olga Sobolewskaja, RIA Nowosti).

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