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10-03-2010 Schlagzeilen
Modell Kasan – Russlands aufgeklärter Islam als Modell einer Koexistenz – Teil 1


Oder: Welche Chance bietet uns die aktuelle Begegnung mit dem Islam?

Überarbeitete Fassung eines Vortrags, Hamburg am 26.2.2010 von Kai Ehlers


Kasan – Modell eines aufgeklärten Islam. Was für ein fernliegendes Thema, mögen einige Menschen denken: Islam in Russland und dann noch in einer einzigen Stadt; gibt es nicht Themen, die uns näher liegen? Solche Fragen sind natürlich berechtigt; Russland ist weit, Kasan ist hierzulande nur wenigen ein Begriff.



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Aber ich denke, schon unser eigener Alltag lässt schnell erkennen, worum es geht: rund 100.000 muslimische Einwanderer leben allein in Hamburg, gut 1,5 Millionen in Deutschland, dazu mindestens 2,5 Millionen Muslime als vorübergehende Gäste, dazu Kopftuchstreit, Moscheenstreit in Köln, der Minarettstreit in der Schweiz, Ehrenmorde. Und dann der Dauerkonflikt in Palästina, Vorgänge wie die Fatwa gegen Salmon Rushdie, der sich seit dem 14.2.1989 verstecken muss, weil die geistliche Führung des Iran ein öffentliches Todesurteil gegen den „Ketzer“ aussprach, das jedermann überall jederzeit vollziehen kann, schließlich der Schock und die Folgen des 11. September 2001 – Bin Laden und das Feindbild der Al Kaida, Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran.

Kurz: der sog. Kampf der Kulturen begegnet uns jeden Tag. Jeden Tag stellt sich die Frage neu, was diese Konstellation von uns fordert, in welche Zukunft sie weist und ob in dieser Situation nicht auch Chancen liegen könnten – und wenn, dann welche.

Und wenn wir so über unsere Grenzen hinausblicken, dann wird schnell klar – für die Bearbeitung dieser Frage ist der Blick nach Russland besonders interessant: Russland war schon immer – neben Spanien – eine der Pufferzonen zwischen Islam und christlich abendländischer Welt. Rund zwanzig Millionen Menschen Russlands – von ca. 80 Millionen seiner Bevölkerung sind auch heute Muslime. Dazu kommen die unmittelbaren Nachbarn Russlands im Süden: Türkei, Aserbeidschan, Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, die zentralasiatischen Staaten bis zu den muslimischen Uiguren in China.

Auch heute ist Russland Puffer zwischen Islam und christlich geprägter Welt – und in Russland selbst gilt das in besonderem Maß für Kasan.

Warum Kasan? Die Antwort auf diese Frage ist schnell gegeben: In Kasan gibt es heute einen Islam, der sich als aufgeklärtes, als säkularisiertes Modell eines Islam versteht, welches zeigt, wie der Islam fruchtbar mit der heutigen globalisierten Welt leben kann.

Kasan, gelegen an der mittleren Wolga, ist die Hauptstadt der russischen Republik Tatarstan. Die Republik hat ihren Namen von der Tatsache, dass tatarisch-stämmige und slavisch-stämmige Bevölkerung Russlands dort heute in einem Verhältnis von ungefähr 60:40 zusammenleben. (Die genauen Zahlen der letzten Volkszählung 2002 bei etwa 4 Mio Einwohnern der Republik waren: Tataren 52%, slawische Russen 39%, 3,3 % Tschuwaschen, 0,6 Utmurten, 0,6 Ukrainer, 0,6 Mordwinen, 0,5 Mari, 0,4 Baschkiren. Um 1990 hatte der Anteil der Tataren an der Bevölkerung Tatarstans noch bei 46-49 % betragen, er steigt wegen der höheren Geburtenrate der ethnisch nicht russischen Bevölkerungsanteile allmählich an.)

Die Tataren sind Nachkommen jener turkmongolischen Eroberer, die Mitte des 13. Jahrhunderts aus Asien nach West- und Südeuropa vordrangen. Ein Teil von ihnen gründete das Chanat Kasan an der Wolga. Nach der Eroberung Kasans durch Iwan IV. 1651 wurden die Tataren Teil des russischen Reiches und Kasan Ausgangspunkt der russischen Ostkolonisation. Heute leben die Menschen Kasans - und darüber hinaus Tatarstans – in einer offenen Mischkultur von Islam, Christentum und anderen Religionen sowie religiös nicht gebundener Menschen. In dieser Mischung hat der Islam besondere säkulare Formen angenommen. Das Selbstverständnis Kasans als offene, auf Toleranz zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen, insbesondere zwischen Christen und Muslimen orientierte Stadt dokumentiert sich in dem Doppelbild von Dom und Moschee, die sich im Zentrum des Kasaner Kremls einträchtig gegenüberstehen – wie Zwillingstürme, die an jene des World Trade Centers denken lassen, nur mit gänzlich anderer Botschaft. Dieses Doppelbild von Dom und Moschee wird auf allen Postkarten der Stadt Kasan gezeigt.

Forscht man nach dem Wesen dieser Koexistenz, wie ich es in den Jahren der Perestroika und dann wieder gezielt in den Jahren 2001 und 2002 in mehreren Reisen nach Kasan tat[1], dann trifft man auf den in West-Europa bisher weithin unbekannten Begriff des „Jadidismus“ für die Art des Islam in dieser Gegend. Der Begriff leitet sich aus dem tatarischen Wort „jadid“ her, was so viel heißt wie neu; den Gegensatz dazu bildet „kad“, althergebracht. Strömungen, die einem traditionellen Islam das Wort reden, werden in Tatarstan dementsprechend unter dem Begriff „Kadismus“ zusammengefasst. Bei Kasans regierenden Tataren, allen voran dem Präsidenten Schamijew, ebenso wie bei seinem engsten politischen Berater Dr. Raphael Chakimow genießt der Jadidismus den Rang einer Staatsideologie.

In Kasan – Jadidismus

Dr. Chakimow, mit dem ich mehrere ausführliche Gespräche führen konnte, spricht von einem aufgeklärten, einem reformierten, einem europäisch orientierten Islam. Die persönliche Beziehung zu Allah stehe vor den kollektiven Ritualen: „Im 18. Jahrhundert“, erklärt Dr. Chakimow, „gab es hier eine Reformation des Islam.“. Dr. Chakimow meint damit die Reformen seitens Katharia II., die deswegen in der tatarischen Bevölkerung bis heute zärtlich Baba, Großmütterchen, genannt werde. Man könne den „Jadidismus“ natürlich nicht direkt mit denen des Lutheranismus vergleichen, schränkt Dr. Chakimow ein, aber eine Reformation verkörpere sich in ihm zweifellos.

„Unsere Wissenschaftler“, erklärte Dr. Chakimow mir, „stellten damals die Frage, warum der Osten gegenüber dem Westen zurückgeblieben sei. Die Antwort war, dass er gewissen Traditionen der Autorität gefolgt sei, auf arabisch ´taklid`; das eben hat den Islam geschwächt. Der ursprüngliche Islam ist dagegen auf kritisches Denken gerichtet. Jeder sollte nachdenken, jeder sollte selbst abwägen. Aber dann kam die Tradition auf, Autoritäten zu folgen, und der Islam wurde zu einer unumstößlichen Vorschrift.

Unsere Reformatoren sagten dann, man müsse sich an das kritische Denken wenden. Um den Koran zu lesen, muss der Mensch gebildet sein. Von daher folgt als Erstes, dass jeder Muslim eine gute Bildung haben muss. Also muss man neue Schulen bauen, nach europäischem Standart. Das war die erste Etappe. Das Zweite war, dass im tatarischen Islam, im Jadidismus, die Religion eine persönliche Angelegenheit ist. Da ist Allah – und da bist du; zwischen euch ist kein Advokat. Da ist kein Mullah und kein Imam: Du alleine sprichst mit Allah. Du sagst guten Tag, er antwortet. Hier hat die Obschtschina, die Gemeinde, nichts zu sagen. Also, der tatarische Islam ist eine persönliche Angelegenheit. Die Moschee ist natürlich ein Ort, wo man beten kann, aber vor allem ist sie ein Zentrum der Bildung. Ansonsten gehst du in die Moschee wann und wo du willst. Niemand kann mir sagen, wie ich mich zu verhalten habe – fünf mal zu Boden oder nicht fünf mal? Soll ich meinen Kopf beugen oder nicht? Das ist meine Sache. Das unterscheidet den Tataren stark von anderen moslemischen Völkern. Das war schon vor der sowjetischen Zeit. „Al Jadid" ist die Bezeichnung für diese Reform: Andere Beziehung zu Frauen; Frauen sind den Männern in allem gleich; tolerante Beziehung zu anderen Religionen. Hauptsache du bist gläubig und tust gute Dinge. Allah ist für alle gut. In einem allerdings unterscheidet sich der Jadidismus vom Protestantismus: Durch den Protestantismus hat sich auch im Glauben selbst viel geändert, der Jadidismus kehrt nur einfach zum Koran zurück. Er wendet sich von der Prophetenvermittlung ab, der Autoritätsgläubigkeit. Für den Jadidismus ist die einzige Autorität der Koran selbst.“ [2]

Besonders zu beachten an dieser Aussage Dr. Chakimows – neben allem anderen höchst Interessanten – ist natürlich der letzte Satz, dass der Jadidismus, wie er sagt, „nur einfach zum Koran zurück“ kehre. – Örtliche muslimische Geistlichkeit, sowie örtliche muslimische Gelehrte, mit denen ich ebenfalls sprechen konnte, stimmten dieser Darstellung des „Jadidismus“ durchaus zu. Sie betonten allerdings, dass der „Jadidismus“ wohl „mehr der politische Ausdruck des Islam als die Religion selber“ sei.

Und da sind wir auch schon mitten im zentralen Problem, denn hier wird deutlich, dass sich Politik und Religion im Islam nur schwer voneinander trennen lassen, so dass dieselben islamischen Autoritäten, die sich im Gespräch mit mir mehr „Islam“ und weniger „Politik“ wünschen, sich gezwungen sehen, sich zugleich gegen fundamentalistische Bewegungen abgrenzen, in denen zur „Reinheit“ des Islam und zur Bildung eines islamischen Gottesstaates aufgerufen wird, wie sie im Kaukasus, also in Tschetschenien, in Dagestan oder auch in Zentralasien zu beobachten sind; versprengt auch in Tatarstan selbst. [3]

Also auch hier also trotz aller Offenheit – Auseinandersetzung, Bewegung, keine endgültigen Lösungen.

Im Konkreten - Fragen über Fragen

Mit dieser Skizze wäre das Wichtigste über den „Jadidismus“ schon gesagt. Man könnte glauben, es reiche, nunmehr zu überprüfen, wie weit die Aussagen von Dr. Chakimow der Wirklichkeit entsprechen. Aber hier tritt Bedeutung des Themas erst richtig hervor, denn in dem Maße, in dem man ins Konkrete einsteigt, werden die Fragen immer komplexer.

Da entsteht als allererste die Frage: Was ist Islam? In Russland wurde mir bestätigt: Ja, der: Der Islam ist nicht nur eine „Religion“; er besteht aus drei Teilen; das ist:
- der Koran – als Gottes unmittelbares Wort, als letzte unumstößliche Verkündigung,
- der Hadith – Berichte über das Leben Mohammeds, das Vorbildcharakter hat,
- und aus beidem folgend die Scharia, das gottgewollte Rechtssystem.

Diese drei Elemente sind nicht voneinander zu trennen.

Aber in Russland wurde mir auch noch ein viertes Element genannt, das üblicherweise vergessen werde, obwohl es eine riesige Bedeutung in der konkreten Ausbreitung des Islam habe: „urf adak“ – eine Einrichtung über „abweichende Rechte“, die sich aus der besonderen ethnischen und kulturellen Lage der jeweiligen Völker ergebe. Hieraus habe sich – bei Anerkennung des Koran, des Hadith und der Scharia – die Vielfalt des Islam entwickelt, wie sie heute in der Welt zu beobachten sei. Ein Blick in den Religionsatlas bestätigt das: Der Islam ist weitaus vielfältiger differenziert als das seinerseits schon differenzierte Christentum.

Doch auch „urf adak“ ist so mit den drei anderen Elementen verbunden, das Welt und Gott für einen gläubigen Muslim eine untrennbare Einheit miteinander bilden.

Hieran schließt sich natürlich sofort die weitere Frage an, wie es unter solchen Bedingungen, wenn der Koran „Gotteswort“ ist und wenn Mohammeds Leben als beispielhafter Lebens- und Glaubensweg darin untrennbar verwoben ist, überhaupt je einen „reformierten Islam“ geben kann? Was am Islam ist modernisierbar was nicht?

Und schon folgt die nächste Frage: Koexistenz? Was heißt das? Wer mit Wem? Stellt sich die Frage der Koexistenz nur an den Islam? Muss nur der Islam „reformiert“ werden? Nicht auch die christlich-abendländische Welt? Die Jüdische? Was ist mit Buddhismus, Hinduismus und anderen Religionen. Was ist mit der globalen Ideologie des Konsums und des Technikfetischismus – als moderner Ersatzreligion?

Fragen über Fragen, die Antworten, zumindest erst einmal Aufmerksamkeit fordern. Erlauben Sie mir, die Fragen der Reihe nach vorzunehmen, so wie sie sich im Laufe der Vorbereitung für diesen Vortrag ergeben haben.

Frage eins: Was ist der Islam?

Weit entfernt selbstverständlich davon, diese Frage hier auch nur annähernd erschöpfend behandeln zu können, werde ich über das hinaus, was ich zu Koran, Hadtih, Scharia und urf-adak bereits gesagt habe, mich auf ein paar Aspekte beschränken, die mir unerlässlich für ein Grundverständnis erscheinen:

„Islam“ – das Wort meint Hingabe, Unterwerfung unter die Gesetze Gottes. Dabei gilt die Grundformel, die ich hier in der eingängigen Form zitieren möchte, welche Friedrich Rückert ihr seinerzeit gegeben hat:

„Bekenntnis der Einheit“, 112. Sure:

Sprich: Gott ist Einer,
Ein ewig reiner,
Hat nicht gezeugt, und ihn gezeugt hat keiner,
Und nicht im gleich ist einer.“ [4]

In der einfachsten Form des Glaubensbekenntnisses lautet das: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Gesandter.“ Wer diesen Satz dreimal hintereinander mit Überzeugung ausspricht, gilt bereits als Muslim.

Weiter: Der Koran gilt den Muslimen als offenbartes Wort Gottes, als durch den Erzengel Gabriel unmittelbar „diktiert“ obwohl Mohammed nicht lesen und nicht schreiben konnte, so dass er für eine Niederschrift der Offenbarung auf seine erste Frau[5] und einen befreundeten jüdischen Gelehrten angewiesen war und obwohl die Verschriftung des Koran sich über mehr als dreißig Jahre hinzog – ganz zu schweigen von Hadith und Scharia, die Jahrhunderte nach Mohammeds Tod erst ihre schriftliche Fassung fanden.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die zweite Sure; sie bildet nach dem erweiterten Glaubensbekenntnis in Sure 1 den eigentlichen Auftakt in den Koran. (es heißt, vielen Muslimen sei überhaupt nur die 1. und 2. Sure bekannt, so wie manche Christen etwa nur die Bergpredigt kennen) Die 2. Sure steht unter der Überschrift „Die „Kuh“, gemeint ist das „goldene Kalb“ der Tora, des alten Testamentes. Mohammed mahnt, er beschwört die Vertreter der alten „Buchreligionen“, also Judentum und Christentum – darin ganz und gar alttestamentarisch – zum Bund mit Gott, den sie vergessen und verraten hätten, zurückzukehren, wenn sie nicht der Strafe des jüngsten Gerichtes ausgesetzt werden wollten. Diese Mahnung der Rückkehr zum Bund mit dem einen Gott wird praktisch in jeder Sure wiederholt, wobei Mohammed immer wieder die Geschichte dieses Bundes, die Prophetengeschichte des alten Testamentes, aber auch das neue Testament in Erinnerung ruft.

Tenor des Koran gegenüber Juden und Christen ist die besorgte Mahnung. Die sog. „Götzenanbeter“, Vertreter nicht-monotheistischer Kulte, dagegen werden schlicht aufgefordert von ihren „Götzen“ zu lassen, wenn sie nicht in der Hölle schmoren wollen. Hier gleicht der Koran eher dem aggressiven Ton des alten Testamentes, der Tora.

Anzumerken ist jedoch: Der Mensch im muslimischen Menschenbild ist nicht grundsätzlich böse, er braucht nur Führung, weil er leicht vergisst. Er braucht Belohnung und Strafe. Wer sich dem einen Gott unterwirft, wird erhöht, wer sich weigert, wird bestraft. [6]

Für die „Unterwerfung“ reicht die Anerkennung des Glaubensbekenntnisses und die – formale - Einhaltung der fünf Grundregeln. Diese „fünf Säulen des Islam“ sind:
- Das Glaubensbekenntnis – wie gesagt: „Gott ist einer, Mohammed ist sein Prophet.“
- Das Gebet - fünf Mal am Tag Verbeugung in Richtung Mekka.
- Die Abgabe der Almosensteuer – 10% und Zinsverbot.
- Fasten – einmal im Jahr zu Ramadan.
- Die Pilgerreise nach Mekka – mindestens einmal im Leben.

Bis auf die erste „Säule“ kennen alle diese Regeln, so streng sie erscheinen, jedoch Ausnahmen für Armut, Krankheit, Reise oder sonstige Unpässlichkeiten, welche die Vorschriften relativierbar machen ähnlich wie die „lässlichen Sünden“ im Katholizismus.

Ähnliches gilt letztlich auch für Koran, Hadith und Scharia, auch wenn sie nicht voneinander zu trennen sind, so wenig wie Gott und die Welt. Die Scharia geht aus Koran und Hadith als „göttliches Recht“ hervor, aber sie ist nicht kanonisiert, sondern unterliegt der lebendigen Auslegung und Interpretation, sowie der Anwendung von Ausnahmeregelungen. Zusammen mit den Regeln des „urf adak“, die Veränderungen nach ethnischen Besonderheiten, Kulturen und Sitten erlauben, gab es hier in der Geschichte des Islam, aller Buchgläubigkeit zum Trotz, große Differenzierungen – und kann es sie auch heute geben.

Zur Entstehungsgeschichte des Islam

Generell ist zur Entstehungsgeschichte des Islam noch zu sagen: Der Islam entsteht in einer historischen Übergangssituation – Ende des römischen Reiches, Zerfall der alten Welt, Anarchie, Entstehung neuer Reiche, Juden in der Diaspora, Christentum gespalten – er entsteht als Versuch, die bereits verkündete göttliche Ordnung des Monotheismus wiederherzustellen.

Dabei ist insbesondere zu beachten: Indem der Islam den Monotheismus im Rückgriff auf die Propheten zu erneuern bestrebt ist – einschließlich des strafenden jüdischen Gottes, erweitert er zugleich das nur auf das Volk Israels fokussierte Prinzip der Auserwähltheit auf alle Menschen, wenn sie nur an den “Einen“ glauben. Damit bringt der Islam eindeutig einen fortschrittlichen Impuls der Öffnung in die Welt. Andererseits fällt er hinter die christliche Botschaft zurück, wenn Mohammed dem Christentum vorhält, mit seiner Trilogie von Vater, Sohn und heiligem Geist den Bund mit dem einen Gott verraten zu haben.

In seiner Kritik an Judentum und Christentum tritt der Islam mit einem absoluten Wahrheitsanspruch auf den Plan: Nach ihm wird es keine weiteren Erneuerungen von Gottes Wort geben; Mohammed ist nach Jesus der letzte Prophet in der Reihe der Propheten – das „Siegel der Propheten“ - nach ihm wird es keinen Propheten mehr geben, der bereit ist, den Bund zu erneuern. Wer jetzt nicht hört, geht dem Verderben entgegen. Mohammeds Blick auf die damalige Welt trägt die Züge eines starken. Darin ist der Islam, man könnte sagen, die konsequente Fortsetzung, gewissermaßen Vollendung seiner monotheistischen Vorgänger. Im Selbstverständnis des Islam heißt das: Er ist die letzte Mahnung, eine weitere wird es nicht geben.

Bei all dem gesteht der Koran seinen monotheistischen Vorgängern durchaus Toleranz zu, die in verschiedenen Suren auch immer wieder deutlich gemacht wird. Wegen der Strittigkeit und der Bedeutung dieser Frage für jedes Gespräch, sei das hier einmal exemplarisch zitiert:

In Sure 5, Vers 49, in welcher erklärt wird, der Koran sei als „Wahrheit hinab gesandt“ worden, um „zur Erfüllung dessen zu mahnen, was schon im Buche war und als Wächter darüber“ heißt es dann weiter: „Und hätte Allah gewollt, ER hätte euch alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht, doch Er wünscht euch auf die Probe zu stellen durch das, was Er euch gegeben. Wetteifert darum miteinander in guten Werken. Zu Allah ist euer aller Heimkehr, dann wird Er euch aufklären über das, worüber ihr uneinig wart.“[7]

Halten wir trotz allem zunächst fest: Unter den bisher genannten Voraussetzungen sind Interpretationen der muslimischen Lehre möglich, jeder Versuch, den „Islam“ reformieren oder modernisieren zu wollen ist gleichwohl unvermeidlich mit einer Infragestellung seiner Grundbotschaft verbunden, die letzte Korrektur des göttlichen Wortes zu sein.
[ Kai Ehlers / russland.RU ]
[ www.kai-ehlers.de ]

Teil 2 folgt……………


1 Siehe dazu mein „Themenheft“ „Modell Kasan“, zu beziehen über mich: www.kai-ehlers.de , intensiv zitiert in dem sehr empfehlenswerten kleinen Buch „Islam und die moderne Welt“ von Peter Normann Waage, Pforte Verlag 2004.
2Die ausführlichen Gespräche Gespräche mit Dr. Chakimow in meinem Themenheft 12, „Modell Kasan“
3Siehe hierzu weitere Gespräche in dem Themenheft 12 „Modell Kasan“.
4Friedrich Rückert, Mohammed – die Weisheit des Propheten, posthum erstmals veröffentlich 1888, jetzt zu lesen in im Verlag Anaconda, 2007
5Mit seiner ersten Frau lebte Mohammed in Einehe; erst nach ihrem Tode glaubte er sich verpflichtet, mehrere Frauen in einem Harem zu versammeln. Aus dieser Tatsache resultieren ebenfalls viele Unklarheiten, die Spielraum für Interpretationen gerade in Bezug auf Frauen und Ehe zulassen.
6Siehe dazu das kleine sehr informative Büchlein von Christine Schirrmacher „Die Scxharia, Recht und Gesetz im Islam“, SCM Hänser, 2009
7Der Koran, in der Übersetzung durch Hazrat Mirza Ahmad, Imam und Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, , Heyne Sachbuch 19/185, 13. Aufl. 1992

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