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11-03-2010 Schlagzeilen
Modell Kasan – Russlands aufgeklärter Islam als Modell einer Koexistenz – Teil 2


Frage zwei: Was könnte also eine Reform des Islam sein?

Wenn in der globalisierten Welt von heute von Reform des Islam gesprochen wird, so ist damit in der Regel seine Säkularisierung, also Trennung von Staat und Kirche gemeint wie sie aus der Botschaft Jesu hervorgegangen ist: „Gebt Gott, was Gottes und dem Kaiser, was des Kaisers ist“. Denn darin unterscheidet sich der Islam kategorisch vom Christentum:



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Er stellt den Zusammenhang von Gott und Welt, den das Christentum in seiner Kritik am strafenden, eifersüchtigen und kriegführenden Gott Judas aufgelöst hatte, als untrennbar wieder her, erweitert ihn sogar – für Mohammed ist Gottes Gesetz gleichbedeutend mit Weltgesetz.

Ein Unterschied besteht allerdings zwischen Tora und Koran, der nicht oft genug betont werden kann und in dem der Koran auf das Christentum, aber nicht auf die Tora zurück greift: Im Islam gilt Gottes Wort und Gesetz nicht nur für ein auserwähltes Volk, sondern für alle Menschen, klar herausgestellt: Nicht ein Volk, der einzelne Mensch ist im Islam auserwählt – w e n n er sich nur dem Einen unterwirft.

Vergleichbar, fast identisch zwischen Judentum und Islam, sind dagegen die, sagen wir, gesellschaftlichen Bedingungen, die man mit der Stiftung der Religion zu ordnen versuchte – - Stammesfehden, Vielgötterei, ethnische, religiöse und soziale Zersplitterung – nur zu Mohammeds Zeiten anders als zur Entstehungszeit des Monotheismus nunmehr auf die ganze ihm bekannte Welt bezogen, die nach der Auflösung des römischen Reiches im Chaos lag.

Eine Reform des Islam kann also, wie man es auch dreht und wendet, nur in der Auslegung seiner Schriften liegen, soweit sie die sozialen Rahmenbedingungen, die religiöse Praxis oder – unter Einbeziehung des „urf adak“ – die ethnische Vielfalt, Sitten, Kulturen betreffen, wenn sie nicht, wie gesagt, seinem Grundanspruch aufheben will, Gottes letzte Korrektur für die ganze Menschheit zu sein. – In der Auslegung kann sie aber auch liegen!

Hier muss auch noch die Eigenart der arabischen Sprache bedacht werden, die ohne Vokale auskommt, für die sich die konkrete Bedeutung einzelner Worte oft aus dem Gesamtzusammenhang erschließt, was natürlich Raum für Variationen lässt. Zu beachten ist auch, dass der Koran die Offenbarungen Mohammeds in poetischer Form, in Gedichten präsentiert, was wortwörtliche Erfassung in einer anderen als der arabischen Sprache, in der er verfasst worden ist, zu einem sprachlichen, einem poetischen Abenteuer macht.

So ist es nicht verwunderlich, dass die islamische Welt, wo sie sich heute zu den aus der westlichen Kultur hervorgehenden Menschenrechten definiert, weil sie sich in der globalisierten Welt definieren muss, sehr unterschiedliche Positionen einnimmt:
- von den einen werden die Menschenrechte krass ablehnt,
- von einer weiteren Gruppe werden sie unter den Vorbehalt der Scharia gestellt,
- da, wo der Islam die Menschenrechte anerkennt, kommen seine Vertreter in Erklärungsnot gegenüber der Einheit von Koran, Hadith, Scharia als Gottes letztes Wort.

Aber auch in solchen Interpretationsnöten – das sei hier ich hier ausdrücklich noch einmal klargestellt – steht der Islam natürlich nicht allein. Die Kodifizierungsgeschichte von Tora und Bibel ist zeitlich nicht minder gestreckt als die des Koran und ebenfalls interpretationsbedürftig, bzw. -fähig und jedes Gespräch zwischen den drei Religionen muss in diesem Bewusstsein geführt werden, wenn es der Klärung und Verständigung zwischen Christen, Juden und Muslims dienen soll, ganz zu schweigen von der notwendigen Einbeziehung anderer Religionen und ethischer Strömungen.

Frage drei: Koexistenz?

Was hieß zu Zeiten Mohammeds Koexistenz, was könnte es heute heißen?

Historisch kam der Islam, wie schon mehrfach deutlich geworden, als Bruder des Judaismus und des Christentums auf die Welt; gleichzeitig als – gewissermaßen erneuerte - Kampfansage gegenüber den „Götzenanbetern“, also den nicht-jüdischen und vor-christlichen Kulten, sowie den Christen und Juden, die, nach dem Eindrücken Mohammeds, den einen Gott in Mischkulturen mit den alten Kulten vergessen oder verwischt hatten.

Innerhalb der monotheistischen Familie ging es zunächst gar nicht um eine Frage der Koexistenz; man war in der Wurzel, im Stammbaum, im Herkommen identisch – eben im monotheistischen Ansatz. So sah Mohammed sich zunächst nur als Vollender der jüdisch-christlichen Offenbarungsgeschichte und setzte auf ein Zusammengehen mit Juden und Christen.

Zur Erinnerung und zu Konkretisierung noch einmal:
- Identisch war der Islam im Rückgriff auf den „strafenden Gott“ Judas, er klagt die Mahnungen der Propheten der Tora praktisch in jeder Sure ein.
- Identisch ist er auch in den patriarchalen Strukturen, die die Frau als minderwertig
betrachteten. Wer das nicht glaubt, möge in der Tora, dem alten Testament nachlesen, aber ebenso in den Paulusbriefen, nach denen das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe. Die Missachtung der Frau war zu Mohammeds Zeiten allgemeiner Standard. Gemessen daran waren die Rechte, die der Koran den Frauen gibt, seinerzeit sogar ein Fortschritt.

Heute gehören die Bestimmungen des Koran, die die Frauen betreffen, allerdings eindeutig zu d e n anpassungsbedürftigsten Regeln des Islam, der in diesen Fragen auf dem Stand von vor 1400 Jahren stehen geblieben ist. Den Gründen für diesen Stillstand ist nachzuforschen – darauf komme ich später noch genauer. Hier möchte ich erst einmal festhalten, dass diese Regeln zweifellos an die heutige Realität angepasst werden müssen und, wie ich meine, auch ohne jeden Verlust religiösen Inhaltes angepasst werden können – ganz zu schweigen von dem ethischen Gewinn, der mit einer Emanzipation der Frauen im Zuge der Entwicklung einer Gleichberechtigung aller Menschen verbunden ist, versteht sich.

Differenzen unter Brüdern beginnen aber schon da, wie gesagt, wo der Islam das Prinzip der Auserwähltheit e i n e s Volkes auf alle Menschen ausweitet und zugleich in eine aktive Beziehung verwandelt – die die Anerkennung des Einen fordert. Damit setzt sich der Islam – in dieser Frage einig mit der Botschaft Jesu – entschieden vom Judentum ab.

Die Differenzen unter Brüdern verschärfen sich mit der – schon erwähnten – Kritik Mohammeds an der Trinität der christlichen Lehre, Vater, Sohn, heiliger Geist, die Mohammed als Rückfall in Vielgötterei missversteht. Realistischerweise muss man sagen, dass die Trinität im Christentum selbst verschiedenste Aufspaltungen erfuhr, sodass sich manche christliche Linie faktisch kaum noch vom Verständnis des „Einen“ Gottes unterschied. Hier gibt es Anknüpfungspunkte für interreligiöse Dispute.

Zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam es dagegen von Anfang an in der Auseinandersetzung mit dem „Götzentum“ in Mohammeds unmittelbarer Umgebung, nachzulesen in den Hadiths, den Berichten über Mohammeds Leben und Wirken, die die Ausbreitung des Islam im Verlauf dieser Kriege en Detail schildern. [8]

Allerdings – und dies scheint mir wesentlich für den heutige notwendigen Dialog – war Mohammeds Ansatz anders der jüdische nicht angelegt auf Eroberung eines „gelobten Landes“ wie die mosaische Geschichte der Landnahme durch das Volk Israel, sondern darauf gerichtet, einzelne Menschen von der Richtigkeit und Dringlichkeit der Offenbarung zu überzeugen, die Mohammed als letzte glaubte erhalten zu haben. Wie gesagt, hoffte Mohammed Juden und Christen für seine Reform zu gewinnen. Auch in seiner unmittelbaren Umgebung wirkte er zunächst friedlich – ging erst auf Druck in kriegerische Auseinandersetzungen über.

Generell war Mohammeds Ansatz von vornherein offen für eine ethnische und kulturelle Vielfalt, wenn Menschen, auch vorherige Gegner sich der Einheitsformel „Gott ist einer und Mohammed ist sein Gesandter“ unterwarfen. Die übrigen vier der „Fünf Säulen des Islam – Gebet, Zakat, Fasten, Pilgerfahrt – waren dafür noch nicht einmal essentiell, ihre Befolgung oder nicht Befolgung definierte nur einen guten oder schlechten Muslim.

Auch dies steht übrigens ganz im Gegensatz zu der alttestamentarischen Geschichte der Landnahme, in der die biblischen Eroberer die ansässige Bevölkerung ohne Ausnahme – Männer, Frauen, Kinder und sämtlicher Tiere – auf Geheiß ihres Gottes ausrotteten.

Die Einheitsformel des Islam – Gott ist das Gesetz der Welt – wie auch seine Bereitschaft schon bei bloßer Anerkennung dieser Formel ethnische und kulturelle Vielfalt – wie in Kasan zu hören: „urf adak“ – zuzulassen waren dagegen zugleich Anknüpfungspunkte für weit unterschiedlichste Form der Koexistenz und förderten eine rasante Ausbreitung des Islam.

Der Islam, um es anders und deutlich sagen, gab einer zerfallenden Welt Halt!

Mehr noch, und dies war von großem Gewicht für die Entwicklung unserer globalen Kultur, wie sie heute ist: Das islamische Verständnis von Gott als Gesetz der Welt führte zu einer starken Orientierung der Muslime auf wissenschaftliche Beschäftigung mit den Gesetzen der Welt als Gottesdienst. In der Folge erwuchs aus der muslimischen Welt ein wissenschaftlicher und kultureller Impuls, ein anhaltender kultureller Boom, der sich als „Arabische Kulturepoche“ vom 6. bis ins 14. Jahrhundert, also über gut 700 Jahre erstreckte und den Raum von Persien bis Spanien umfasste.

Zur gleichen Zeit versank die christliche Welt in dogmatischer Jenseitigkeit.

Ich kann diese Entwicklung hier nur andeuten, obwohl im Dialog mit dem Islam gerade hierüber viel mehr gesprochen werden müsste. Hier deshalb nur die wichtigsten Stichworte, denen in Weiteren unbedingt nachzugehen sein wird:

Da ist die Akademie von Gondaschipur, über die persisches und griechisch-römisches Kulturgut durch Vermittlung arabischer und jüdischer Gelehrter in unsere Zeit gelangte. [9]

Da ist der Kalif Harun al Raschid, fürstlicher Förderer eines Kulturraumes, der sich von Persien bis Spanien spannte – der ganzen Welt zumindest bekannt aus „Tausend und eine Nacht“ - während Karl der Große zu gleicher Zeit nicht einmal lesen und schreiben konnte. [10]

Da ist der Ost-westliche Divan, den Johan Wolfgang von Goethe als Alterswerk zurückließ. Er selbst schrieb in einer Anzeige für dieses Buch 1819: „Der Dichter ... lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei“. Posthum, 2001 wurde Goethe von dem in Weimar lebenden Scheich Àbdalqadir Al-Murabit beim Wort genommen. Der Scheich fertigte eine Fatwa an, die mit den Worten endete: „Im Lichte seiner überwältigenden Bestätigung des Propheten – möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben! – soll er bei den Muslimen von nun an bekannt sein als Muhammad Johann Wolfgang von Goethe“. [11]

Eine besondere Form der Koexistenz – auch dies wichtig genug, um es hier wenigstens kurz zu erwähnen – entwickelte sich während dieser Zeit zwischen Muslimen und Juden, so dass diese Jahrhunderte der „Muslimischen Diaspora“ als „goldene Zeit“ ins Buch der jüdischen Geschichte eingingen. Auch dies ein klarer Ausdruck der Toleranz des Islam. [12]

Kreuzzüge und Zurückbleiben des islamischen Welt

Einen ganz anderen Weg nahm die Entwicklung im selben Zeitraum hingegen zwischen Christentum und Islam, die sich schließlich in den Kreuzzügen zuspitzte. Das waren vom ersten Aufruf durch Papst Urban 1095 bis zum siebten und letzten Kreuzzug 1293 immerhin fast 200 Jahre der härtesten Konfrontationen.

Aber: Ausgerechnet die Kreuzzüge waren es auch, die Christentum und Islam in eine Koexistenz ganz besonderer Art, der paradoxen Art brachten, einen Austausch, der in der Geschichte seinesgleichen sucht:

Austausch gab es über die Kreuzritter im Osten. Sie brachten Wissen und Kultur, die sie unterwegs kennengelernt hatten, mit nach Hause – nicht zuletzt die Frauen, mit denen sie sich während ihrer Kriegszüge verbunden hatten.

Austausch gab es über den von Spanien aus der dortigen muslimisch, jüdischen Hochkultur von Toledo nach Europa vordringenden Kulturimpuls.

Aus dem Zusammentreffen dieser Strömungen, die eine über den Osten von Jerusalem ausgehend, die andere aus über den Westen über Spanien, die in Europa mit dem christlichen Mönchtum zusammentrafen, entwickelte sich in turbulenten Auseinandersetzungen über die Frage: Welt oder Gott, Wissenschaft oder Glaube in Scholastik, Renaissance, Aufklärung das Europa, das wir heute kennen: Industrialisierung, Imperialismus, Kolonialismus usw. bis zur Globalisierung. Ohne Islam hätte Europa diesen Sprung in seiner Entwicklung nicht gemacht. Das ist eisern.

Zug gleicher Zeit sank die muslimische Welt zurück!

Für dieses Zurückbleiben der muslimischen Welt gibt es meines Wissens bis heute keine zureichende Erklärung. Einen interessanten Erklärungsansatz fand ich bei R. Steiner, der darauf hin wies, dass die muslimische Welt mit Eindringen der turk-mongolischen Eroberer ab dem 13. und 14. Jahrhundert eine gewisse Verrohung und Verfestigung erfahren haben könne.[13] Diese Vermutung trifft sich mit dem von Dr. Chakimow benannten Einfluss des „taklid“, des autoritären Einflusses auf den Islam. Interessant! Dr. Chakimow muss es ja wissen, schließlich spricht er von eben dieser tatarischen Variante des Islam...!

Der Hinweis auf den tatarischen Einfluss ist eine sehr interessante Spur, der unbedingt in der weiteren Forschung nachgegangen werden muss, wenn man sich vor Augen führt, dass der gleiche Schub der tatarischen Invasion, der den mesopotamisch-mittelmeerischen Raum erreichte, vor West Europa trotz einer vernichtenden Niederlage der westlichen Ritterheere bei Liegnitz 1241 stockte. Für den Rückzug der Eroberer gab es innere Gründe der Erbfolge, die ich hier unausgeführt lasse; entscheidend ist, dass West-Europa von weiteren Einfällen verschont blieb. Der muslimische Kulturraum wurde so durch die mongolisch-tatarische Expansion zurückgeworfen, während West-Europa durch das Ausbleiben dieser Invasion ein gleiches Schicksal erspart blieb. So konnte die Stafette der kulturellen Entwicklung vom islamischen Mittelmeerraum nach Mitteleuropa hinüberwechseln. Russland blieb als das Bollwerk zurück, das weitere Vorstöße der Tataren von Europa fernhielt und in dem in den folgenden Jahrhunderten tatarischer Islam und christliches Abendland im Dauerkonflikt und in beginnender Kooperation aufeinander trafen. Die Kenntnis über diese Verschiebung dürfte für den heute zu führenden Dialog der Kulturen von entscheidender Bedeutung sein.

Heute wieder: Kritik an einer „gottlosen Welt“?

Heute erleben wir, wie es scheint, eine Wiederholung der Konstellation, die bestand, als der Islam in der Welt erschien. Zugespitzt kann man sagen: der islamische Impuls, der einst von Medina, dann Mekka ausging, sich über die arabische Kultur nach Europa fortsetzte, Europa groß machte, während die islamische Welt zurücksank, kommt in Gestalt der Globalisierung jetzt auf die muslimischen Länder zurück, die damit nur schwer umgehen können. Im Zeichen der globalen Krise, einer Übergangssituation ähnlich der nach-römischen Zeit, die den Islam von 1400 Jahren hervorgebracht hat, kommen aus dem muslimischen Lager heute wieder Stimmen, die der westlich-abendländischen, christlich-jüdischen Zivilisation – als der global dominanten – den Vorwurf machen, um das „goldene Kalb“ zu tanzen.

Die Kritik, ob übertrieben oder nicht, trifft den wunden Punkt der westlich dominierten Zivilisation. Worum geht es? Auch dazu in aller Kürze ein paar Stichworte:

Es geht um die Trennung von Gott und Welt, genauer, in der einseitigen Folge dieser Trennung um die Reduzierung der Welt auf ihre äußere materielle Gestalt, auf Ökonomie, Profit und Konsum, eine Reduzierung, die ja im Zuge der Entwicklung der dominanten westlichen Kultur extreme Formen angenommen hat. Die wichtigsten Stationen dieser widersprüchlichen Geschichte will ich knapp in Erinnerung rufen:

Zunächst Verstaatlichung des Christentums nach Christi Tod und ganz gegen die von ihm ausgehende Botschaft „Gebt des Kaisers, was des Kaisers und Gott was Gottes ist“:

Im Westen Verwandlung des Christentums in eine Staatsreligion, Papsttum als weltliche Macht, schwere Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat bis zur Reformation, die Religion – endlich wieder, könnte man sagen - zur Privatsache macht. Die französische Revolution besiegelt diese Entwicklung.

Im Osten das byzantinische Gottkaisertum, fortgesetzt in der zaristischen Selbstherrschaft, die Kirche und Staat im „III. Rom“ vereint. Erst von der bolschewistischen Revolution 1917 wird diese gottesstaatsähnliche Einheit gesprengt. Nach der Auflösung der Sowjetunion nimmt Religion wieder einen wichtigen Platz in Russland ein; die allgemeine Trennung von Staat und Kirche, die Säkularisierung und Privatisierung von Religion hat durch die Oktober-Revolution von 1917 jedoch ihren letzten entscheidenden Schub bekommen.

Heute herrscht allgemeine Ratlosigkeit angesichts einer globalisierten Welt, die keine ihrem Wissen und ihren technischen Möglichkeiten entsprechende Ethik kennt, in der Profit und Konsum zur Ersatzreligion zu werden droht, für viele schon geworden ist.

Und das ist – in muslimischer Formulierung – eben der Tanz um das Goldene Kalb“ in einer „gottlosen Welt des Bösen“, gegen die ein Kreuzzug für den wahren Glauben, die Rettung Gottes, geführt werden müsse.

Aber nicht „der“ Islam argumentiert so, das muss betont werden, vielmehr ist die Mehrheit der muslimischen Länder durchaus bestrebt, die Impulse der „westlichen“ Zivilisation zum eigenen Nutzen und für die eigene Entwicklung aufzugreifen und sogar zu beschleunigen. Dabei sind so unterschiedliche Länder wie der Iran mit seiner Atomindustrie, Dubai mit seinen Supertowern, zentralasiatische, afrikanische oder andere muslimische Staaten gleichermaßen zu nennen. Die fundamentalistischen Reflexe entstehen, ungeachtet der Orientierung auch der muslimischen Welt an der technischen Moderne, aus einer Mischung zwischen unerlöstem Kolonialismus und Kritik an den offensichtlichen Schwächen und Fehlern (bis hin zu den offenen Aggressionen) des globalisierenden Zivilisationsmodells. Die fundamentalen Reflexe orientieren auf eine „Reinigung“ des Islam – wie der Welt.

Dem steht eine bis zu militärischer Aggression pervertierte Menschenrechtspropaganda, ausgehend von den imperialen Interessen der USA, als vergleichbare fundamentalistische Strömungen des Westens gegenüber. Beides kann, wenn nicht in seiner Eskalation gebremst, zu einem Weltbrand heranwachsen, der die Kreuzzüge weit in den Schatten stellen könnte.

Hinzu kommt als gesondertes, schweres Problem, das aus dem Erbe des letzten Jahrhunderts hervorgeht: die Konzentration großer Teile des Judentums auf die zionistische Staatsgründung in Israel als Reaktion auf den Holocaust – was nichts anderes bedeutet, als die Rückkehr zur Praxis des auserwählten Volkes in Form konkreter Landnahme, wie sie in der Tora nachzulesen ist, statt die Vorstellung der Auserwähltheit eines Volkes, bzw. einer Nation in Richtung einer Auserwähltheit jedes einzelnen Menschen zu denken und zu entwickeln, wie es im Islam und auch im Christentum durchaus angelegt ist, und den Impuls des Judentums so für die gesamte Menschheit fruchtbar zu machen. Das Judentum könnte so, um ein Bild zu benutzen, als Hefe im Teig der aufgehenden Menschheit wirken.

Eine solche Entwicklung läge nicht nur im allgemeinen Interesse, darin läge auch der Anknüpfungspunkt für den Dialog zwischen Muslimen, Christen und Juden sowie allen anderen religiösen und ethischen Strömungen. Die fruchtbare Symbiose zwischen Islam und Judentum während der „muslimischen Diaspora“ kann uns daran erinnern, was möglich ist, wenn es gewollt wird.

Den Fingerzeig nutzen

Betrachten wir dies alles, dann kann „Reform“ oder „Koexistenz“ des Islam nur heißen, im Dialog der Kulturen und Religionen die Elemente aufzuspüren und herauszuarbeiten, die über einseitige Verhärtungen aller monotheistischen Dogmen hinausweisen.

Das hieße aus meiner Sicht, in aller Vorsicht gesagt:
- die „Radikalisierung“ des Islam als Fingerzeig zu begreifen, der dazu mahnt, daran zu arbeiten, die aus dem Ruder gelaufene Trennung von Gott und Welt, Wissenschaft und Glaube, Materie und Geist, Konsumismus und Ethik auf dem Stand heutiger Entwicklung neu zu denken und zu einer neuen ethischen Kraft zusammenzuführen.
- auf der moralischen Ebene hieße das einfach: herauszufinden, was es heute heißt – ungeachtet religiösen oder ethischen Herkommens – gut zu sein, gut zu handeln.
- weiterhin hieße es, jegliche Ideologie der „Auserwähltheit“ in ein Bildungs-Programm für jeden Menschen dieser unserer heutigen Welt zu verwandeln.
- und dabei kein geistiges Element auszuschließen, sondern die Einheit in der Vielfalt unter Einbeziehung aller geistigen Ströme und Kräfte zu suchen.
Das alles heißt, eine Menschenkunde und gesellschaftliche Perspektiven zu entwickeln, die Glaube und Wissen, Geist und Materie, Einheit und Vielfalt einander nicht weiterhin fruchtlos gegenüberstellt, sondern als Elemente begreift, die sich im Unendlichen treffen.

Noch einmal Kasan

Vor diesem Hintergrund können wir jetzt noch einmal kurz an die Frage herangehen, was es mit dem „Modell Kasan“ tatsächlich auf sich hat. Die Antwort lautet:

Das „Modell Kasan“ ist tatsächlich ein Modell, weil alle Fragen, die wir jetzt erörtert haben, sich in diesem kleinen Rahmen beispielhaft stellen, nämlich:

Kasan steht, wie ganz Russland am Ende der sozialistischen Utopie, am Ende des verordneten Atheismus, andererseits unter dem neuen Einfluss der massiv einströmenden westlichen Konsumideologie. Das ist eine Situation, welche die Menschen nach neuer Moral, Kultur, Spiritualität suchen lässt.

Kasan ist nicht irgendein Ort in Russland; es ist der historische Knotenpunkt zwischen Asien und Europa, der sich zwischen asiatischer Invasion und europäischen Völkern, zwischen Christentum und Islam, Russen und Mongolen herausgebildet hat. In diesem Selbstverständnis nennt die Stadt sich heute „3. Hauptstadt Russlands.“

In Kasan hat der Islam eine lange Geschichte der Anpassung und Individualisierung hinter sich, der ihn prädestiniert für eine Koexistenz mit anderen Religionen, insonderheit mit dem orthodoxen Christentum. Iwan IV wollte den Islam auslöschen, nachdem er Kasan hatte erobern lassen. Katharina II legalisierte den Islam, nachdem sie durch den Pugatschowschen Aufstand begriffen hatte, dass er sonst eine Unruhequelle im Herzen Russlands bliebe – aber sie suchte ihm die Zähne zu ziehen, indem sie ihn als Bildungselement in den Staat eingliederte. Danach gab es wieder Versuche der Unterdrückung bis zur Revolution von 1917.

Diese wechselnden Bedingungen erzwangen eine individuelle Religionsausübung und ließen damit die Voraussetzungen für die Säkularisierung entstehen, wie Dr. Chakimow sie beschreibt. Das allgemeine Religionsverbot während der Sowjetzeit ließ zudem eine Solidarität der Gläubigen entstehen – gleich welcher Religionsgehörigkeit.

Noch einmal zusammengefasst:
Exemplarisch ist diese Entwicklung Kasans
- durch seine lange Erfahrung der Koexistenz,
- durch die aktuelle Erneuerung der Koexistenz nach Perestroika,
- durch die Auseinandersetzung mit anderen, fundamentalistischen Formen des Islam in Russland – in Tatarstan selbst, in Tschetschenien, im Kaukasus, außerdem in Zentralasien. Aktiv unterscheidet Kasans politische und geistliche Führung, mit welchen ausländischen Strömungen des Islam sie Kontakt hält, sich etwa bei Bau von Moscheen unterstützen lässt – mit Ägypten ja, mit Arabien, dem Heimatland des radikalen Wahabismus dagegen nicht.
- Schließlich durch seine wissenschaftliche Arbeit am Jadidismus, welche die säkularen Formen des Islam in bewusster Auseinandersetzung mit der Krise des Sozialismus wie auch des nach Russland einströmenden Kapitalismus, also der Dominanz der Ökonomie über die Kultur bewusst herausarbeitet. Damit sind wir auch bei der Frage nach neuen gesellschaftlichen Perspektiven; Kasans Jadidisten verstehen sich als Zentrum eines neuen Föderalismus, suchen auch, dem Islam folgend, nach einer gerechteren sozialen Ordnung als der des zinsgeleiteten Kapitalismus. Eine Garantie für einen neuen Geist ist Kasan selbstverständlich trotz all dessen aber nicht. Es ist aber ein Beispiel, an dem man lernen kann, wie die Debatte um Alternativen zur Konfrontation bewusst geführt werden kann.
[ Kai Ehlers / russland.RU ]
[ www.kai-ehlers.de ]

Teil 1...


8 ) Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, Spohr, 2008
9 ) Hierzu: Flensburger Hefte 60, Arabismus, sowie Erzählungen zur Geschichte des frühen Mittelalters, Volk und Wissen Volkseigener verlag, 1955, von rado jadu (auch www.jadu.de )
10 ) Erzählungen zur Geschichte des frühen Mittelalters, Volk und Wissen Volkseigener verlag, 1955, von rado jadu (auch www.jadu.de )
11 ) Zitiert nach P.N. Waage, Pforte, 2004, S. 55; ausserdem J.W. von Goethe, Westöstlicher Divan, dtv. Gesamtausgabe 5
12 ) u.a. Der Tagesspiegel, 30.05.2000
13 ) R. Steiner Gesamtausgabe, Vorträge für die Arbeiter am Goetheanumbau, in 6. Vortrag, „Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker, 117

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