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22-03-2010 Schlagzeilen
„Wir glauben heute an Gott und Putin“ - russische Autoren auf der Leipziger Buchmesse 2010


[ Von Julia Schatte ] Nicht besonders zahlreich, jedoch mit einer spannenden Vielfalt an Lesungen und Diskussionsrunden sollten sich dieses Jahr russische Schriftsteller und Publizisten auf der Leipziger Buchmesse präsentieren –



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darunter der Chefredakteur der „Literaturnaja Gazeta“ und Schriftsteller Jurij Poljakow, der Publizist Alexander Archangelskij mit seinem autobiographischen Roman „1962“, Wjacheslav Kuprijanow mit „Der Bär tanzt“ (Pop Verlag) und Autoren der jüngeren Generation wie Sergej Minajew („Seelenkalt“, Heyne Verlag), Ildar Abusjarow („Dschingis-Roman“), Dmitrij Gluchowskij mit seinem Science-Fiction Bestseller „Metro 2034“ (Heyne Verlag) und Natalja Kljutscharowa mit dem Roman „Endstation Russland“ (Suhrkamp Verlag) und einem Essay zum Thema „Krise! Welche Krise?“.

Die Krimiautorin Tatjana Ustinova, die den im Rowohlt Verlag erschienenen Roman „Stirb, Brüderchen, stirb“ vorstellen sollte und Alexander Kabakov, der in seinem Buch „Moskauer Märchen“ deutsche Mythen und Märchen auf das Leben im heutigen Moskau projiziert, waren trotz Ankündigung nicht angereist.

Kontroversen geglückt - Dialog gescheitert

Neben den Buchvorstellungen und Lesungen waren Diskussionen zu verschiedenen Literaturgenres , Übersetzungsproblemen vom Russischen ins Deutsche sowie historischen Themen geplant. Scheinbar ohne wirkliches Konzept wurden einige von ihnen zur Farce und einer eher persönlichen Auseinandersetzung der (verschiedene politische und literarische Positionen vertretenden) Podiumsteilnehmer, als zu informativen Veranstaltungen, geschweige denn einem gelungenen Dialog mit dem deutschen Publikum.

So kamen am ersten Messetag in der Diskussion zum Verhältnis von „elitärer“ und Massenliteratur die Teilnehmer gleich zu Beginn vom eigentlichen Thema ab, als Jurij Poljakow und der Professor für Slawistische Literaturwissenschaft in Erfurt Holt Meyer begannen, sich darüber zu streiten, ob man Lev Rubinstein (einen russischen Kritiker, Publizisten und führenden Vertreter des Konzeptualismus, der jedoch nicht anwesend war) als einen Dichter bezeichnen könnte und ob man Gedichte seiner bevorzugten Dichter spontan rezitieren können müsse.

Als Jurij Poljakow daraufhin wütend das Podium verließ, erklärte der Moderator Alexander Archangelskij dem verwirrten Publikum, dass die Literatur in Russland noch immer eine so immens wichtige Rolle spiele, das sie zu solch hitzigen Auseinandersetzungen führt. Der Großteil des Publikums bekam jedoch kaum mit, was eigentlich der Stein des Anstoßes gewesen war, so dass der Abend für die meisten Besucher sicher unterhaltsam, aber kaum bereichernd war.

Auf eine Frage aus dem Publikum, was man als deutschsprachiger Laie aus der russischen Literatur wählen sollte, um einen Eindruck vom russischen Leben zu bekommen, nannten die Diskussionsteilnehmer spontan Lew Tolstojs „Anna Karenina“ und den Autor, Dramaturgen und Musiker Ewgenij Grischkowetz.

In einer weiteren Diskussionsrunde zum Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in den Werken russischer und deutscher Autoren setzte sich die interne Auseinandersetzung fort, als der Slawistikprofessor Holt Meyer Wladimir Sorokins Stück „Ein Monat in Dachau“ als Beispiel für eine literarische Umsetzung des deutschen Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit nannte. Später kritisierte er die Wiederaufnahme der sowjetischen Hymne als Hymne der Russländischen Föderation (von 1943 bis 1991, und wieder ab 2000) mit einem neuen, wenig poetischen Text. Daraufhin meinte Jurij Poljakow, dass es eine Krankheit der deutschen Russisten wäre, sich mit denjenigen russischen Schriftstellern am meisten zu befassen, die am schlechtesten schrieben. Vielleicht weil die „Guten“ schwieriger zu greifen wären. Und eine solche Podiumsdiskussion wäre auch nicht der Ort, um nationale Symbolika zu besprechen.

Während Poljakows Lesung aus seinem neuen Roman „Der Gipshornist“ verließ die Hälfte des Publikums den Saal. Vielleicht weil der Autor eine ganze Stunde damit verbrachte, seine Werke in chronologischer Reihenfolge zu preisen, sich immer wieder in den eigenen biographischen Details verlor und sich zwischendurch über die Humorlosigkeit einer deutschen Übersetzerin mokierte. Vielleicht auch, weil der Text des „Gipshornisten“ noch gar nicht übersetzt und jeder des Russischen Unkundige bei der Lesung außen vor war.

Junge russische Autoren: zwischen beißendem Zynismus und arabesker Erzählkunst

Deutlich aufgeschlossener präsentierten sich die jüngeren Autoren. Ein aufmerksames Publikum lauschte Dmitrij Gluchowskij, der letztes Jahr bereits aus seinem sehr erfolgreichen postapokalyptischen Roman „Metro 2033“ auf der Buchmesse vorlas und dieses Jahr „Metro 2034“ sowie ein gleichnamiges Computerspiel vorstellte – laut Gluchowskij „ein Shooter, aber ein lyrisch-philosophischer“.

Konsumkritisch, lakonisch und zynisch-kühl erscheint Sergej Minajews Debütroman „Seelenkalt“, der im Russischen den Untertitel „Die Geschichte eines wahren Menschen“ trägt. Desillusioniert beschreibt er die Generation der heute 40-jährigen in Russland, die in der Sowjetzeit aufgewachsen, jedoch in der postsowjetischen Zeit erwachsen geworden ist, „die so knallig ins Leben gestartet sind und es so grandios verschwendet haben“.

Nachdenklich las Natalja Kljutscharewa aus ihrem Roman“ Endstation Russland“, dessen Protagonist, der Petersburger Student Nikita nach der Trennung von seiner Freundin Jasja mit dem Zug quer durch das Land fährt und dabei eine Menge skurriler Lebensgeschichten seiner Mitreisenden hört.

Mit gesellschaftskritischem Anspruch, aber vielleicht ein wenig zu didaktisch konstatiert Kljutscharewa in ihrem Essay „Krise! Welche Krise?“ eine Krise der Macht, der Verantwortung und der Menschlichkeit im heutigen Russland. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung wünsche gar keine Freiheit. Sie sei mit der derzeitigen Situation zufrieden, in der die Antworten vorgegeben und kein Nachdenken erwünscht sei, so wie in der sowjetischen Zeit. Vom Staat heute Gerechtigkeit zu fordern, sei ungefähr so effektiv, wie mit geballten Fäusten einer Lokomotive nachzurennen.

Fragwürdig ist allerdings, ob man dabei wie Kljutscharewa von einer „Atrophie des Denkens“ beim russischen Menschen sprechen kann . Könnte es vielmehr der Verlust des (öffentlichen) Sprechens und Äußerns, und nicht der Verlust der Fähigkeit des Nachdenkens sein?

Ildar Abusjarow, der als muslimischer Tatare in einer russischen Umgebung aufwuchs und heute bei Moskau lebt, wundert sich über seinen literarischen Erfolg, da er sich selbst nicht als „Mainstreamautor“ sieht. Tatsächlich erscheint seine ungewöhnliche, mit zahlreichen Metaphern und Assoziationen versehene Erzählweise im „Dschingis-Roman“ fast orientalisch-arabesk. Laut seiner Übersetzerin Hannelore Umbreit wählt Abusjarow oft einen exotisch-stilisierten Hintergrund, um die Liebe in den Mittelpunkt zu stellen.

Kulturunterschiede und Selbstbilder

Die Übersetzer Andreas Tretner und Gabriele Leupold bestätigen eine Affinität des deutschen Lesers zu den komplexen Menschenbildern in der russischen Klassik und ein großes Interesse an Erinnerungsliteratur wie Warlam Scharlamows „Erzählungen aus Kolyma“. Ohne die Öffnung historischer Archive in Russland wären Bücher wie Karl Schlögels „ Moskau 1937“, das letztes Jahr mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde, nicht möglich gewesen.

Brisant ist dies besonders auch im Kontext der Kontroversen zu den Stalin-Plakaten, die zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai in Moskau platziert werden sollen. Laut einer Meldung des Pressedienstes des Komitees für Reklame, Information und Gestaltung der Stadt Moskau vom 18. März werden es 10 Stück sein.

Nach Meinung der Lektorin für ausländische Belletristik beim Münchner Carl Hanser Verlag Tatjana Michaelis gibt es zu Russland jedoch einen großen Kulturunterschied zu überbrücken. Die kritisch hinterfragte gesellschaftliche Rolle der Literatur im Allgemeinen, die Situation der Pressefreiheit, der Menschenrechte und Tendenzen der politischen Entwicklung zeigen dennoch ein reges und lebendiges Interesse am Leben im heutigen Russland. Bei allen Veranstaltungen fiel auf, dass die von den russischen Protagonisten vorgetragenen Texte und Meinungen in den Publikumsfragen sehr oft in einen gesellschaftspolitischen Kontext gesetzt wurden.

Umso spannender waren die spontanen Antworten der Autoren, etwa Ildar Abusjarows Eindruck, dass die Literatur heute wieder die informative bzw. aufklärerische Aufgabe der Medien übernimmt oder Natalja Kljutscharewas Kritik, dass man heute in Russland alles schreiben könne, es würde aber nichts ändern oder bewegen. Oder Dmitrij Gluchowskijs Feststellung, in Russland gäbe es eine Tradition der Schaffung von Utopien, die sich später als Antiutopien erweisen, und heute glaube man an Gott und an Putin. Wie erwartet, hielt Jurij Poljakow dagegen, denn „Gott sei Dank, leben wir heute in einem freien Land“.
[ Julia Schatte / russland.RU ]


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