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19-03-2006 Weissrussland
„Die Zielstrebigkeit unserer Musiker verändert Belarus“
Links: Vital Supranowitsch, rechts: Sjarhej SacharauVital Supranowitsch ist zwar erst 28 Jahre alt, aber er gilt als Legende der belarussischen Musikszene. 1996 gründete er zusammen mit Sjarhej Sacharau die NGO „BMA“ (Belarussische Musikalische Alternative), deren Arbeit entscheidend war für eine Professionalisierung der belarussischen Musikszene.

BMA brachte die ersten CD-Compilations heraus, die sich alternativer Musik des Landes widmete. Ihre Festivals waren große Erfolge. In diesem Jahr feiert BMA sein zehnjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass sprach Ingo Petz mit Supranowitsch über die Entwicklung der belarussischen Musiksezene.

Wie hat sich die Situation für die belarussische Rock- und Popmusik in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?

Man kann von zwei Etappen sprechen. Einmal die Zeit vor Lukaschenko und die Zeit nach seiner Wahl. Der Beginn der Neunziger war die Blütezeit der belarussischen Rockmusik. Damals wurde sie schon recht häufig im Radio gespielt, es gab Rock-Konzerte. Sogar mit staatlicher Unterstützung. Nach 1994 (Anm. d. Red.: Wahljahr Lukaschenkos) wurde all dies sukzessive eingedämpft. So wurde der einzige belarussischsprachige Radiosender FM 101,2 geschlossen, wo unsere Rockmusik ziemlich populär war. Der Knackpunkt war dann ein Konzert, das zum zehnjährigen Jubiläum der Regierungszeit Lukaschenkos veranstaltet wurde und auf dem die führenden Bands auftraten. Das Konzert war sogar von der “Macht” genehmigt worden, obwohl es deutliche oppositionelle Züge hatte. Danach wurden Lieder und Gruppen auf einen inoffiziellen Index gesetzt. Dazu muss man sagen, dass sich das Show-Geschäft zu jener Zeit kräftig entwickelte; und hätte es die Repressionen nicht gegeben, hätten wir heute eine neue Blütezeit der Rockmusik. Aber die “Macht” war wohl durch die Ereignisse in der Ukraine aufgeweckt worden.

Warum hast Du 1996 die „Belarussische Musikalische Alternative“ (BMA) gegründet?

Zunächst einmal wollte ich damit meine persönlichen Interessen befriedigen. Ich wollte belarussische Konzerte, meine Musik hören – und zwar gut produziert und auf guten Tonträgern. Aus dieser Idee entstand die erste CD-Compilation: „Freie Tänze/Höre Deins“ (вольныя танцы:Слухай сваё). Tatsächlich war das die erste in einer Fabrik produzierte CD mit alternativer belarussischer Musik. BMA waren zu jener Zeit vor allem ich und mein Freund Sjarhej Sacharau. Wir sind zwar komplett gegensätzliche Charaktere, aber letzten Endes gereichte das BMA zum Vorteil. BMA war von Anfang an kein kommerzielles Geschäft, aber um zu existieren, mussten wir möglichst profitabel arbeiten.

Welche Probleme gab es für BMA anfangs und welche gibt es heute?

Das wesentliche und ewige Problem ist das Geld, das wir brauchen, um Projekte zu realisieren. Weil das Show-Business sich bei uns nur schwach entwickelt, kann man kaum profitabel arbeiten. Der Staat unterstützt uns natürlich nicht, weil wir mit Musikern zusammen arbeiten, die keine Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Und natürlich wollen wir selbst auch gar keine Unterstützung durch die heutige Regierung. Die meisten Stiftungen sind geschlossen worden oder arbeiten unter unmöglichen Rahmenbedingungen. Und die sind sogar der Meinung, dass es nicht ihre Aufgabe sei, solche Musik-Projekte zu fördern sondern die des Staates. Wie paradox. Aber das Hauptproblem heute ist, dass über die meisten der Musiker nicht berichtet wird. Aus bekannten Gründen.

Kann man sagen, dass der belarussische alternative Rock geholfen hat, eine Identifikation mit der belarussischen Kultur und auch mit demokratischen Werten zu entwickeln?

Ja, das stimmt wohl. Und im Prinzip haben wir das erreicht. Wenn wir uns mit jungen Leuten mit demokratischen Ansichten unterhalten, wird uns klar, dass sie unsere CDs, Kassetten hören, und dass sie unsere Bands sehr gut kennen. Und das Wichtigste: Sie identifizieren sich mit einer modernen nationalen Kultur, die nicht chauvinistisch ist, sondern wie etwa im Baltikum als Modernisierungspool fungiert.
Im Internet
• http://bma.home.by
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Früher haben wir dieses Ziel vielleicht nicht unmittelbar gesehen, aber jetzt wird uns klar: Alles, was wir tun, zeigt sich früher oder später als ein Einfluss auf die Formierung eines neuen kulturellen Raumes. Eines belarussischen Kulturraumes, der in unserem Land von einem politischen Regime methodisch vernichtet wird.

Ist es für eine junge, talentierte Gruppe einfach ihre CD herauszubringen?

In der Hauptsache müssen sich die Gruppen auf ihre Ressourcen verlassen. BMA hilft den Bands zwar CDs herauszubringen, aber wir sagen ihnen immer, dass eine Zusammenarbeit mit BMA nicht die Lösung aller Probleme ist. Man muss sich auf seine Kräfte verlassen. Wir haben es zumindest erreicht, dass es für belarussische Gruppen heute kein großes mehr Problem ist, eine eigene CD zu veröffentlichen – das war es aber noch vor zehn oder zwölf Jahren.

Die politische Situation ist für belarussische Musiker sehr schwierig. Was macht man, damit man nicht in eine Depression verfällt, vor allem, wenn man schon seit über 15 Jahren auf der Bühne steht und nun nicht mehr auftreten darf?

Ironischerweise hat diese schlimme Situation vielen Musikern ja auch den Weg in den Westen eröffnet. Besonders Bands wie NRM oder Krambambulja. Viele konnten zehn Jahre zuvor von ihrer Arbeit als Musiker nicht leben und mussten noch andere Jobs übernehmen. Heute können sich zumindest die bekannten Bands nur über ihre künstlerische Arbeit finanzieren. Mir scheint, es hat sich eine ganze Welle neuer Musiker entwickelt, die die politische Situation sehr nüchtern analysiert. Sie verfallen nicht in Hysterie sondern geben auch unter diesen katastrophalen Bedingungen nicht auf, sich professionell zu entwickeln und an einem guten musikalischen Produkt zu arbeiten, das vom Publikum gefordert wird. Ihre Zielstrebigkeit und ihr Talent verändert zweifellos die belarussische Situation.

In diesem Jahr wird BMA zehn Jahre alt. Welche Wünsche hast du?

Mein Hauptwunsch: Belarus muss wieder auf den Weg einer zivilisierten Entwicklung zurückkehren. Damit die Belarussen weiter an ihrer reichen Kultur, an ihrer Sprache arbeiten können. Und wir wollen dafür arbeiten, auch 20 Jahre BMA feiern zu können.